Und lebten glücklich und zufrieden…

Die Geschichte der Schule fürs Leben ist ein modernes Märchen. Sie beginnt da, wo Geschichten immer beginnen. In der Phantasie und im Herzen. Das Herz gehört einem kleinen kolumbianischen Jungen, Andrés, den sein deutscher Vater mit sechs nach Frankfurt holt, damit er hier in Deutschland zur Schule geht und eine anständige Ausbildung bekommt. Andrés wird Architekt. Er findet eine Frau. Ulla. Sie heiraten, bekommen selbst einen Sohn. Und lebten glücklich und zufrieden…

Glücklich vielleicht. Aber zufrieden? Andrés war nicht zufrieden. Da waren all die anderen. Die keinen Vater hatten, der ihnen eine Ausbildung finanzierte. Kolumbianische Jungs und Mädchen. Was war aus ihnen geworden? Was wäre aus ihm geworden? Das ließ ihm keine Ruhe. Das Gefühl, dass er aus der Chance, die er bekommen hatte, mehr machen müsste. Etwas zurückgeben. All diesen kolumbianischen Kindern, die so waren wie er gewesen war. Voller Ideen, Tatendrang und Kreativität. Und deren Freude so früh erstickt wird in Gewalt, Verzweiflung, Armut und Krieg.

Er würde eine Schule bauen! Eine Schule in Kolumbien! Das war die Idee. Aber sobald er sie ausgesprochen hatte, kamen die Zweifel. Woher sollte das Geld kommen? So viel Geld! Das würde er nie verdienen können. Er verwarf die Idee. Aber sie drängte sich immer wieder in seinen Kopf, besetzte alles, war einfach nicht weg zu schieben. „Lass uns Spenden sammeln“, sagte Ulla, seine Frau. „Wir fragen einfach alle. Unsere Freunde, unsere Familien, unsere Geschäftspartner – wir fragen alle die wir kennen.“ „Das funktioniert doch nicht.“ „Wie kannst du das wissen? Lass es uns wenigstens probieren.“ So ging das eine ganze Zeit lang hin und her: „Nein“. „Doch“. „Nein“. „Doch“. „Nein“. Bis Ulla Andrés an Weihnachten 2002 ein Ultimatum stellte: „Wir probieren es. Oder ich will nie wieder etwas davon hören.“ Dann setzte sie sich hin und schrieb die Mail. An alle Freunde, Bekannte und Verwandte, Geschäftspartner, Kollegen… Sie erzählte von der Vision, sie bat um Spenden. Die Reaktion war überwältigend. So überwältigend, dass Andrés und Ulla im Februar 2003 einen Verein gründeten. Zusammen mit neun ihrer besten Freunde: Schule fürs Leben.

Gemeinsam mit ihrer kolumbianischen Partnerorganisation Escuela para la Vida sollte Schule fürs Leben in den nächsten Jahren aber nicht nur eine Schule bauen.

In Montebello, einem Flüchtlingsort in der Nähe von Cali, entstand als erstes gemeinsames Projekt das Colegio de las Aguas, eine Grund- und weiterführende Schule für rund 250 Kinder.

Es folgten, ebenfalls in Montebello, die Talleres de las Aguas, Lehrwerkstätten mit insgesamt 95 Ausbildungsplätzen für eine zweijährige Berufsausbildung in den Bereichen Schreinerei, Bauen mit Bambus, Gastronomie, Einzelhandel, Schneiderei.

Ein Lesesaal für eine Bibliothek: die Biblioteca Rumenigue in Montebello.

Ein multifunktionaler Bambusbau, der dem Volk der Nasa Indios in San José im benachbarten Bundesland Cauca als Schule und Gemeindehaus dient. San José ist der Heimatort von Ruben Calambas, dem ersten Absolventen der Lehrwerkstatt „Bauen mit Bambus“. Ruben, der seine Gemeinde beim Bau des Gebäudes angeleitet hat, ist vom Lehrling zum Lehrenden und damit zum Multiplikator des erworbenen Wissens geworden.

Eine Landschule für drogenabhängige Mädchen und Jungen zum geschützten Entzug und zur Re- und Neusozialisierung in Santander de Quilichao.

Eine besondere Schule für das Indiovolk der Misak, ein Natschak. Vor allem Kinder und Jugendliche werden hier in den verschiedenen Lebensphasen von der Schamanin/dem Schamanen unterrichtet und begleitet. Auch bei Krankheiten, Hochzeiten, Schwangerschaften, Geburten und dem nahenden Tod finden die Misak dort Heilung und Begleitung.

Und schließlich das Umwelt- und Nachhaltigkeitsprojekt BAMBUSWALDhoch10 in Buga. Hier wird der kolumbianische Bambus Guadua wiederaufgeforstet und nachhaltig bewirtschaftet. Der Bambuswald wird bereits lebhaft zur Umweltbildung genutzt und ist Ziel vieler in- und ausländischer Lern- und Forschungsgruppen. In Zukunft wird er außerdem Ausbildungsort für grüne Berufe rund um den Bambus sein. Ebenso wie die Lehrfabrik für Bambuspressholz, die (endlich) im Neuen Jahr in volle Produktion gehen wird.

BAMBUSWALDhoch10 und auch alle anderen bis jetzt verwirklichten Projekte sind als Modell-Projekte angelegt und werden inzwischen auch international als solche wahrgenommen und genutzt. Neben Besuchern aus anderen kolumbianischen Städten und Gemeinden kamen in den letzten Jahren Menschen aus insgesamt 24 verschiedenen Nationen, um sich von den Projekten inspirieren zu lassen und gemeinsam zu lernen.

Ein wichtiges Element im internationalen Austausch sind dabei auch die weltwärts-Freiwilligen die jedes Jahr aus Deutschland nach Kolumbien kommen, junge Menschen zwischen 18 und 28 Jahren, die sich für einen entwicklungspolitischen Lerndienst im Ausland melden. Durch intensive Netzwerkarbeit von Schule fürs Leben und Escuela para la Vida wurden für diese jungen Menschen 42 Einsatzplätze in und um Cali geschaffen, alle in Bildungseinrichtungen für mittellose Kinder und Jugendliche. Umgekehrt gibt es inzwischen auch vier Einsatzplätze in Deutschland. weltwärts-revers richtet sich an junge Absolventen und Mitarbeiter der Bildungsprojekte aus Kolumbien, die sich als Freiwillige in Deutschland ein Jahr weiterbilden und entwickeln können.

Die über die Jahre gewachsene Solidaritätsgemeinschaft mit Escuela para la Vida, die Schule fürs Leben ausmacht und überhaupt ermöglicht, schließt neben Freiwilligen und Ehrenamtlichen inzwischen rund 70 Mitarbeitern vor allem in Cali ein. Dazu ein stetig wachsendes Unterstützernetzwerk, zu dem Universitäten, Schulen, Ausbildungs-einrichtungen, Ministerien, Behörden, Firmen, Stiftungen, Vereine und viele Privatpersonen zählen. Eine lebende Brücke zwischen den Kontinenten, über die Wissen, Kultur, Erfahrungen, Gefühle, Geld und Güter getauscht werden.

Eine Schule fürs Leben.

 

 

„Und lebten glücklich und zufrieden…“ Unsere Weihnachtsgeschichte 2015. Erzählt von Karolina Seibold und Ulla Schuch. Aus der Reihe “Ich erzähl dir” – wahre Geschichten aus dem deutsch-kolumbianischen Alltag rund um Schule fürs Leben und Escuela para la Vida.