Die Straßenkinder im „La olla“ von Cali landen aus sehr verschiedenen Gründen auf der Straße. Manche flüchten vor häuslicher Gewalt, sexuellem Missbrauch oder dem Drogenkonsum zuhause. Oft finden sie auch als Kinder von Flüchtlingen keine neue Heimat. Oder sie werden als Kinder von Obdachlosen geboren. Der Weg in ein geregeltes Leben ist für diese Kinder sehr beschwerlich, da sie verwahrlost und nach den Regeln der Straße aufwachsen. Die Schule für Straßenkinder ist deswegen auch ein Ort der (Re-)Sozialisierung, an dem die Kinder nicht nur Rechnen, Lesen und Schreiben lernen, sondern auch die Regeln und Abläufe eines normalen Kinderalltages. Sozialarbeiter, Psychologen und Lehrer öffnen den Kindern mit Therapien, Spielen, Spaß und Bildung die Chance für ein normales, integres Leben. Auch regelmäßige Mahlzeiten und medizinische Betreuung gehören zum Schulangebot.

Projektentstehung

Die Initiative „Schule für Straßenkinder“ geht von Samaritanos de la Calle aus. Diese kirchliche Organisation betreibt seit 15 Jahren eine Zufluchtsstätte für Obdachlose im Herzen von Cali. Hier finden Erwachsene und Kinder Zuflucht für kurze Zeit. 2007 wurde die Erstfassung des Schulprojektes für die obdachlosen Kinder unter dem Namen „Asistencia a ninos maltratados en el municipo de Santiago de Cali“ geschrieben („Hilfe für misshandelte Kinder in der Gemeinde Santiago de Cali“). Nach weiteren Nachforschungen stellte sich heraus, dass der Missbrauch nicht das einzige Problem der Straßenkinder ist und so wurde das Projekt erweitert für Kinder „in jeglichen prekären Situationen“. Zur Realisierung des Projektes fehlten jedoch die finanziellen Mittel. 2011 war erstmals eine der Weltwärts-Freiwilligen von Schule fürs Leben, die 19-jährige Stefanie Bötsch, im Obdachlosenheim eingesetzt, um dort mit den Kindern in ihrem freiwilligen sozialen Jahr zu spielen und zu lernen. (!Lesenswert: Erfahrungsbericht von Steffi Bötsch 2011-2012.). So entstand ein engerer Erfahrungsaustausch zwischen Escuela para la Vida und der Einsatzstelle Samaritanos de la Calle. Seit 2012 begleiten und beraten Schule fürs Leben e.V. und Fundación Escuela para la Vida den Projekt-Träger Samaritanos de la Calle zunächst bei der Projektkonzeption und später bei der immer konkreter werdenden Projektplanung (Baupläne, Finanzierungspläne, Genehmigungen, Personalbedarf etc.). Diese Inhalte fließen zurzeit in den Antrag für Fördermittel ein, der – zusammen mit anderen Schulprojekten – von Schule fürs Leben beim Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung in Kürze eingereicht werden wird. Die benötigten Fördermittel sind bereits angemeldet und stehen zur Verfügung; ca. 75% der Projektkosten sollen mit Fördermitteln finanziert werden. 10% muss Schule fürs Leben über Spenden beitragen. Der Projekt-Träger Samaritanos de la Calle steuert 15% der Projektkosten bei und sichert zusammen mit seinen staatlichen, kirchlichen und anderen Partnern die Folgekosten des Projektes. Escuela para la Vida hilft und begleitet beim Start und Bau des Projektes und sichert die Qualität sowie die ordentliche Folgenutzung. Der erste Spatenstich für die neue Schule soll Anfang 2015 nach Bewilligung der Fördermittel und erfolgreicher Spendenakquise erfolgen.

Heimat, Zuhause, Sicherheit, Regeln, Werte, Essen, Heilung, Bildung, Persönlichkeitsentwicklung und mehr…

 

Obdachlosenheim von Samaritanos de la Calle. Hier finden Erwachsene und Kinder stunden- oder tageweise Zuflucht.

Projektansatz. Die Schule will Kindern aus ihrer schwierigen Situation helfen und ihnen alle Werkzeuge zur Verfügung stellen, damit sie ihre Zukunft mit mehr Optimismus, mit fachlicher und menschlicher Bildung und auch nach ihren eigenen Vorstellungen gestalten können. Das Schulprojekt richtet sich an Straßenkinder zwischen fünf und fünfzehn Jahren und hat Platz für 100 Kinder. Die Schule möchte ein Ort sein, der den Kindern Sicherheit, Zuverlässigkeit, Würde und neue Vorbilder gibt. Die Kinder sollen sich einer Gruppe zugehörig fühlen können, in der sie klare Regeln und Normen haben und die ihnen nach einem bestimmten Entwicklungsprozess den Einstieg in die staatliche Schule oder berufsbildende Kurse ermöglicht. Ein professionelles Team will sie in ihrer familiären Situation unterstützen und ihnen Raum und Anleitung für sinnvolles Schaffen aber auch für kindliche Träume geben.

Aufmerksamkeit

Aufmerksamkeit, feste Regeln, Konsequenz, Wertschätzung, Spiele, Phantasie, Würde….darum geht es im Schulprojekt.

Amemos a los Ninos! Übersetzt ins Deutsche heißt das in etwa: „Laßt uns die Kinder lieben!“

Nachhaltigkeit. Alle Projektbeteiligten bringen ihre langjährige Erfahrung und Expertise in das Projekt ein. Sie haben Netzwerke aufgebaut, die unterstützend oder beratend die gemeinsamen Projekte mittragen und in Krisen auffangen. Samaritanos de la Calle hat in den vergangenen 15 Jahre aktiv Kooperationen zu öffentlichen und kirchlichen Partnern aufgebaut, die das Projekt finanzieren helfen. Das Secretaria municipal de la educacion de Santiago de Cali (Schulamt Cali), das Instituto Colombiano de Bienestar Familiar (Sozialamt Cali) sowie einige große Firmen haben Unterstützung für die laufenden Kosten der Schule zugesagt. (Letters of Intend sind in Arbeit)

Risiken. Die Viertel im Zentrum von Cali gelten als unsicher. Da die Menschen dort sehr bedürftig sind, wird nahezu alles gestohlen was möglich ist. Das Schulgebäude sowie die Baustelle müssen deshalb rund um die Uhr gesichert und bewacht werden. Escuela para la Vida und Samaritanos de la Calle haben einen guten Ruf und sehr viel Respekt in Cali. Seit 8 Jahren ist der Hauptsitz von Samaritanos de la Calle gegenüber dem Grundstück der geplanten Schule. In dieser Zeit sind keine gewalttägigen Übergriffe erfolgt, es wurde lediglich eine Überwachungskamera im Außenbereich gestohlen. Auch die freiwilligen Helfer und Mitarbeiter sind – wenn sie als Samaritanos de la Calle gekennzeichnet sind – tagsüber sicher auf den Straßen. Die geplante Schule ist baulich auf diese Sicherheitslage abgestimmt. Auch im Arbeitsalltag gelten strenge Sicherheitsregeln. Mitarbeiter der Schule fürs Leben haben den Standort bereits mehrfach besucht und wurden vom Umfeld ohne besondere Sicherheitsvorkommnisse gut aufgenommen.

Die Pläne für den Bau des Schulgebäudes finden Sie hier.

Standort

Der Standort des Projektes ist das Zentrum der tropischen Millionen-Stadt Cali im Valle de Cauca in Kolumbien. Einzugsgebiet ist die „Comuna 3“, insbesondere die Viertel Santa Rosa, El Calvario, Sucre und San Pascual. Hier liegt der Hauptsitz von Samaritanos de la Calle. Direkt gegenüber wurde ein Grundstück für den Schulbau erworben.

Das Projektgrundstück liegt im „Estrato 1“ und gehört damit zu den Bereichen der Stadt Cali mit sehr niedrigem Lebensstandard, sehr niedriger Besteuerung und niedrigen Gebäudenebenkosten. („Estrato“ beschreibt ein Besteuerungssystem von 1-6; 6: hoch, 1: niedrig). Das Viertel El Calvario gehört zu den kontraststärksten Vierteln in Cali: Inmitten der wichtigsten öffentlichen Einrichtungen der Stadt Cali und des Bundeslandes Valle de Cauca – Stadtverwaltung, Landesregierung und Hauptfinanzbehörde – liegen die Elendsviertel der Stadt, die umgangssprachlich „La olla“ (dt. „Der Kochtopf“) genannt werden.

Straßenszene

Armut, Gewalt, Drogen, Müll, Obdachlosigkeit. Alltag am Projektstandort für Erwachsene und Kinder.

In diesem „Kochtopf“ brodeln verschiedene soziale und wirtschaftliche Dynamiken: Uneingeschränkt werden Drogen verkauft. Konsumenten aus verschiedenen Teilen der Stadt treffen sich hier, da der Zugang zu den Drogen einfach ist. Die meisten Konsumenten sind Männer, es gibt jedoch auch Frauen und Kinder, die konsumieren. Häufig werden verschiedene Substanzen gleichzeitig oder wechselweise auf verschiedenen Wegen konsumiert. Der Konsum wird als „normal“ angesehen. Viele Menschen gehen illegalen Tätigkeiten nach, wie zum Beispiel dem Verkauf von Substanzen, Prostitution, Ausbeutung von Kindern, Diebstahl und Auftragsmorden. Sehr viele Obdachlose leben hier, da sie anderswo nicht geduldet werden. Durchschnittlich leben 3,28 Personen in einem Haushalt, der oft nur aus einem Zimmer besteht. In diesem Raum leben die Bewohner ohne Privatsphäre und ohne Sanitärbereich. Mangelnde Hygiene, Inzest und Missbrauch führen oft zu einem schnellen Ausbreiten von ansteckenden Krankheiten. 82,1% der Mietshäuser haben für alle Bewohner zusammen nur zwei Bäder; 64% der Mietshäuser haben für alle Bewohner nur einen einfachen Waschplatz. Häufig wird die Benutzung der Badezimmer von den Vermietern rationiert. Die örtliche Polizei kontrolliert nur selten die Vorgänge im Viertel. Illegale Handlungen werden nicht sanktioniert und daher als „normal“ angesehen.

Jugendliche und Kinder idealisieren Banden, die sich mit illegalen Tätigkeiten finanzieren. Viele fühlen sich gezwungen, Substanzen zu konsumieren, um zu einer Gruppe dazu zu gehören. Schon Kinder formen kleine „Gangs“, um Drogen zu konsumieren und um zu stehlen. Die Gewaltbereitschaft wird von Generation zu Generation weitergegeben. Die Kinder treffen schon sehr früh Entscheidungen für sich selbst – zum Beispiel, ob sie zur Schule gehen oder nicht. Sie verbringen den Großteil des Tages auf der Straße. Meistens Leben sie mit ihrer biologischen Mutter und den gelegentlichen Partnern ihrer Mutter. Typischerweise kommen die Straßenkinder aus sehr komplizierten Familienverhältnissen mit physischem und psychischem Kindesmissbrauch, sexuellem Missbrauch, Mittellosigkeit, Drogenkonsum, Prostitution, Verwahrlosung und Kommunikationsarmut.

Zielgruppe

Viele Kinder müssen sich selbst versorgen oder werden von den Erwachsenen, mit denen sie wohnen, verpflichtet, für den Unterhalt „der Familie“ mit zu sorgen, sich um „ihre Geschwister“ zu kümmern und anderen Aufgaben gerecht zu werden, die eigentlich zu den Pflichten der Eltern gehören. Die Kinder verdienen Geld durch Auto putzen, Betteln, Diebstahl, Recycling, Dealen und Prostitution. Dieser Rollentausch hat einen direkten negativen Affekt auf die physische, mentale, spirituelle, moralische und soziale Entwicklung der Kinder. Da sie täglich Geld verdienen müssen, entscheiden viele Kinder nicht zur Schule zu gehen. Sie sehen keinen Sinn darin, da ein Schulbesuch ihre aktuelle Notsituation nicht verbessern kann. Entscheiden sie sich dennoch für den Besuch der Schule, werden sie sehr schnell von der Schule verwiesen: Sie kennen die üblichen Normen und Grenzen der Gesellschaft nicht und verhalten sich oft sehr auffällig und gewalttätig. Damit spiegeln sie ihre Situation zuhause wieder. Das Personal in den öffentlichen Schulen verfügt in der Regel nicht über die Zeit oder die pädagogische Ausbildung, um sich um solche Kinder zu kümmern.

In den überfüllten Wohnräumen erleben die Kinder von Anfang an die sexuellen Tätigkeiten ihrer Eltern und werden selbst häufig dazu missbraucht. Diese ungesunde sexuelle Entwicklung, fehlende Aufklärung sowie Drogen und Prostitution führen oft zu Kinderschwangerschaften. Die sehr jungen Mütter haben keine Chance diesem Kreislauf zu entkommen.

Kinder im Obdachlosenheim
Eine unbeschwerte Kindheit haben diese Kinder nur stundenweise im Obdachlosenheim Samaritanos de la Calle.

Auch für die wenige Freizeit der Kinder bieten die Viertel im Stadtzentrum von Cali den Kindern wenig bis gar keine nützliche Beschäftigung, wie zum Beispiel Sport oder Musik. So haben sie auch in ihrer Freizeit keine Gruppe, der sie sich zugehörig fühlen, in der sie respektiert und gefördert werden und die ihnen klare Regeln und Normen anbietet. Auf der Straße lernen sie einen Lebensstil mit eigenen Normen und Hierarchien kennen, der von Banden und kriminellen Erwachsenen geprägt ist: Aufnahmerituale, Verhaltens-Codes, Strafen für Fehlverhalten, Revierverhalten, Tabus, Glauben, Mythos etc. Je länger sie diesem speziellen sozialen System ausgesetzt sind, umso schwerer fällt es den Kindern, sich wieder in die Normen der Gesellschaft einzufügen. Dieses nicht kindgerechte Leben führt bei den Kinder zu ungesunden körperlichen Symptomen: Der hohe Grad an Freiheit und Selbständigkeit der Kinder führt zu Erregungszuständen, die schnell von Gefühlen der Depression, Einsamkeit, Schutzlosigkeit und Hoffnungslosigkeit abgelöst werden. Sie zeigen ein auffällig feindliches und aggressives Verhalten. Sie leiden unter sehr geringem Selbstbewusstsein und wenig Würde, da sie nicht als Einzelperson gesehen, sondern instrumentalisiert und physisch und psychisch missbraucht werden. Unter diesen Umständen leben die Kinder nur in der Gegenwart, ohne an Morgen zu denken und verlieren die Fähigkeit, von der Zukunft zu träumen.

Kooperationspartner im Projektland

  • Kirchliche Einrichtungen
  • Escuela para la Vida

Kooperationspartner in Deutschland

  • noch keine! Wäre das was für Sie?

Spendenbedarf

18.000 Euro Spenden aus Deutschland! Helfen Sie mit!