„Nein, die Bahn streikt, ich werde nicht nach Berlin kommen.“ Daran denke ich, als ich am Donnerstagmorgen, den 16. Oktober 2014 am Hauptbahnhof in Berlin stehe und auf Andrés warte. Um 6 Uhr in der Früh war dann doch der erste Zug wieder gefahren und ich treffe Andrés gleich hier. Als er endlich da ist, überrascht mich sein Zustand: Er ist auch völlig übermüdet, denn wie ich hat er kaum ein Auge zugemacht. Nach einem Vortrag an der Universität Hannover über unser Projekt BAMBUSWALDhoch10 am Vorabend hat er sich mit dem Auto nach Berlin durchgekämpft. „Was für ein Aufwand…“, denke ich.

Jetzt prüft ein Sicherheitsbeamter unsere Ausweise, Kleidung und Handtaschen, denn der deutsche Bundespräsident Herr Joachim Gauck ist schon hier. Grade noch rechtzeitig kommen wir zu seiner Eröffnungsrede anlässlich des 50. Jahrestages der Robert-Bosch- Stiftung. Andrés hat Herrn Gauck schon einmal in Bogota auf einem Empfang gesprochen. Ich weiß wenig über ihn, Politik ist nichts für mich. Aber seine Worte hinterlassen einen tiefen Eindruck bei mir. Erst morgen, am Freitagabend, wird mir bewusst werden, dass unser Bundespräsident alles Wichtige dieser zwei Tage in seinen einfachen und direkten Worten vorweg genommen hat. Er ermutigt mich, eine Bürgerin Deutschlands, auch weiterhin eigensinnig zu sein. Ja, das kann ich! Er weist darauf hin, was Menschen wie ich, Menschen der Zivilgesellschaft, bewegen können, besondere Menschen, ohne jeden Zweifel, aber eben auch keine Übermenschen, sondern solche aus Fleisch und Blut.“ Mir ist, als spricht er nur mit mir. Dabei sind noch etwa 250 andere Menschen mit mir hier. Trotz allem ist die Atmosphäre privat, Presse-Rummel ist nicht zugelassen, nur ein kleines Filmteam begleitet uns dezent diese beiden Tage. Unser Bundespräsident verlässt die Veranstaltung umringt von seinem Assistenten und Sicherheitspersonal. Ich sehe einen bescheidenen einfachen Mann den Raum verlassen.

Wenig später höre ich auf dem Podium den beiden Friedensnobelpreisträgern Muhammad Yunus und Kailash Satyarthi zu. Ich weiß nicht mehr was sie sagen, ich kenne ihre Arbeit sehr gut. Was mich bannt ist die Klarheit, die Bescheidenheit, die Demut, die ungeschminkten Worte, die totale Präsenz dieser beiden Männer! Viele andere berühmte, mächtige und große Menschen lerne ich an diesen beiden Tagen kennen, esse und spreche mit Ihnen. Aber dieser Moment bewegt etwas in mir…

Am Nachmittag signiert Prof Yunus sein Buch für mich, das mich seit Jahren begleitet und eine wichtige Inspiration für unsere Schule fürs Leben war: Social Business – für mich ist das der Schlüssel für echte „Hilfe zur Selbsthilfe“, eine geniale Kombination aus Unternehmertum und sozialer Gerechtigkeit… Jetzt weiß ich es: Demut ist, was ich mitnehme aus diesen beiden Tagen in Berlin.

Ich bin sehr dankbar, Teil dieser zwei Tage gewesen sein zu dürfen- besondere Menschen aus aller Welt getroffen und gesprochen zu haben. Und vor allem das: Gespürt zu haben, dass es Demut war, die mich so sehr berührt hat. Dass die Demut von Menschen wie Herrn Gauck, Herrn Yunus und Herrn Satyarthi eine gewaltige Macht ist. Sie berührt uns Menschen, bewegt uns besondere Dinge zu tun und Berge zu versetzen. Danke Herr Gauck, Herr Yunus,
Herr Satyarthi, DANKE!

Ich wäre noch viel weiter gereist als nach Berlin für diese Lektion.

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