von Sophia Bookmeyer1

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Regelmäßig erreichen Schreckensmeldungen deutsche Nachrichtensender; riesige Ladungen Kokain verschwinden im Hamburger Hafen – direkt aus Kolumbien importiert, die Zahl der Morde steigt, und immer wieder die schlechte Nachricht, dass die kolumbianische Drogenmafia wieder an Stärke gewinnt.

Im Gegensatz dazu erzählen wir Freiwilligen in unseren Geschichten über Kolumbien von wunderschöner Natur, von Menschen, die so viel Positives in sich tragen, ihr Hab und Gut mit uns teilen, obwohl es oft nur wenig ist; oder von dem tanzenden Volk, das sich so wunderbar bewegen kann und aus dem die Emotionen mit jeder Drehung nur so heraus sprühen.
Ja, tatsächlich hat Kolumbien beide Seiten, die erschreckende, aber auch die wunderschöne. Wenn man zum ersten Mal hier in diesem fernen Land ist, erscheint einem alles wie in einem Traum. Mir hat so vieles sofort gefallen, doch ich glaube, so manches habe ich mir auch schön geredet, habe mich vielleicht von den Kolumbianern anstecken lassen und mich über das gefreut, was gut ist, doch nach und nach passieren Dinge, die mich wach rütteln, die mir sagen, wo wir sind: in einem Zentrum der Bandenkriege, der Armut und der Gewalt.

Auch wir Freiwillige bekommen das zu spüren. Mehrmals wurde nachts an unserer Tür gerüttelt; am Anfang blieb mir noch das Herz stehen, beim dritten Mal wartete ich nur noch, bis es vorbei war. Inzwischen wurden auch schon einige von uns ausgeraubt. Auf den Straßen begegnen uns die hungernden Blicke der Heimatlosen, die auf dem Boden bei den Ameisen liegen und nach Wasser fragen. Diejenigen von uns, die in Siloé, einem der ärmsten Viertel Calis, arbeiten, bekommen noch mehr von der Gewaltrealität mit. Schießereien auf offener Straße sind dort nicht ungewöhnlich – neulich ist wieder ein zwölfjähriges Mädchen aus Versehen erschossen worden, es stand zur falschen Zeit am falschen Ort.

Ist es normal, dass in einer Woche in einer Stadt von 2,6 Millionen Einwohnern vierunddreißig Menschen ermordet werden? Natürlich nicht, aber hier ist es die Realität, vielleicht sogar die Normalität.

Als ich im ersten Monat meines Aufenthaltes gefragt habe, warum ich nicht alleine von meiner Arbeitsstelle zum Jeep laufen darf, mit dem ich nach Hause fahre, obwohl es nur ein Fußweg von zwei Minuten ist, wurde mir so einiges bewusst: Ich arbeite in einem Stadtteil, in dem Auftragsmörder wohnen. Sie sind noch nicht einmal teuer. „Letzte Woche wurde hier wieder jemand ermordet, aber das passiert natürlich nicht ständig“, wurde mir erzählt. Und in diesem Viertel sollte ich nun tagtäglich arbeiten? Ja, und nun ist es schon so normal, die Menschen kennen und grüßen mich, die Kinder freuen sich, mich auf der Straße zu sehen, die Mütter lächeln mich an, was sie nicht tun würden, wenn ihre Kinder nicht so vertraut mit mir wären. Ich fühle mich inzwischen tatsächlich sehr wohl hier in Bellavista2, im Westen von Cali.

Mit den Kindern meiner Einsatzstelle spreche ich viel über ihre Familien. Manchmal überlegen wir Freiwilligen, wie die Menschen mit den Gefahren und den Geschehnissen zurecht kommen und inzwischen weiß ich:
Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, aber er kommt damit nicht zurecht. Doch diejenigen, die an der politischen und sozialen Situation etwas ändern wollen, können es nicht, und die, die etwas ändern könnten, wollen es nicht. Wo sollte man also anfangen?

Mit drei meiner Mitfreiwilligen war ich auf einem Ausflug, den die Einsatzstelle eines der Freiwilligen organisiert hatte. Diese Einsatzstelle kümmert sich um Jugendliche und junge Erwachsene, die nicht mehr zur Schule gehen und keine Arbeit und Zukunftsperspektive finden können.
Der Ausflug führte uns in einen Freizeitpark; wir spielten dort Fußball und Tischtennis und sogar baden konnten wir in einem großen Pool. Doch nach der Busfahrt mit der Gruppe fielen mir fast die Ohren ab.
Ich habe mich gefragt, warum erwachsene Menschen zwischen 20 und 30 Jahren so unglaublich laut sind und ich mich nach dieser Tour wie nach einer zehnstündigen Klassenfahrt gefühlt habe. Und warum sind die Kinder aus meiner Musikschule, der Fundación Notas de Paz, so anders, so ruhig und konzentriert, obwohl viele von ihnen vergleichbare Dinge wie diese jungen Erwachsenen schon im Kindesalter erlebt haben? Wir können stundenlang ruhig auf einen Auftritt warten oder ein zweistündiges Konzert spielen, ohne, dass jemand anfängt, herumzubrüllen.

Ich glaube, es ist die Musik, die die Kinder so verändert, die sie so verantwortungsvoll und selbstkontrolliert erscheinen lässt. Dadurch, dass sie Wertschätzung erleben, können sie auch Wertschätzung an andere weitergeben. Das Gefühl, wichtig zu sein – denn in einem Orchester ist jeder einzelne unverzichtbar – gibt den Kindern und Jugendlichen so viel Selbstbewusstsein, dass sie beginnen, für ihre Zukunft zu kämpfen und sie in die eigene Hand zu nehmen. Jemand anderes übernimmt das nicht, denn die Eltern sind selbst dem ständigen Kampf um Arbeit und Überleben ausgesetzt. Und häufig fehlen sie ganz. Es gehört zur Normalität, dass Kinder ohne ihre Eltern aufwachsen, besonders oft bekomme ich zu hören, dass der Vater nicht mehr da ist. Der Satz eines Lehrers hat es auf den Punkt gebracht: „Die Frauen müssen um die Männer kämpfen, denn es gibt nur wenige von ihnen.“ Dabei hat er gelacht. Erst war ich nicht ganz sicher, was er damit meinte, aber schnell wurde mir sehr bewusst, wo all die Männer hin sind…

Noch nicht lange ist es her, da habe ich mit einer Schülerin geredet, Smalltalk über die Familie. Dass sie ungefähr zwanzig Cousins und Cousinen hat, aber nur eine Tante, machte keinen Sinn, doch dann fiel ihr wieder ein, dass sie einmal zwei Onkel gehabt hatte, die aber beide nicht mehr leben. Sie erklärte es mir mit einem lapidaren: „Drogas“. Die genaueren Umstände kenne ich nicht.

Die Kinder aus meiner Einsatzstelle sind mir inzwischen sehr ans Herz gewachsen. Ich habe die Hoffnung, dass sie eine bessere Zukunft erwartet. Dass sie auch als Erwachsene die Menschen sein können, die sie jetzt sind. Selbstbewusst, mitfühlend und voller Visionen. Manche träumen davon, Musik zu studieren, andere wollen zur Marine oder Koch werden. Oft höre ich: „Ich will studieren“, doch das ist sehr schwierig, wenn man aus armen Verhältnissen stammt. Nur die mit den besten Abschlusszeugnissen dürfen sich für ein Stipendium bewerben. Und selbst dann muss ein Eigenanteil aufgebracht werden, den viele nicht leisten können. Für den Großteil der Jugendlichen kommt studieren von vorne herein nicht in Frage, weil sie die Schule mit zu schlechten Zeugnissen beendet haben. Doch ich weiß, dass zumindest die Kinder wissen, wie man kämpft. Genauso, wie sie für ein Konzert üben müssen, bei dem sie alle ein wichtiger Teil des Gesamtklanges sind, müssen sie für ihre Zukunft kämpfen. Und das lernen sie bei Notas de Paz. Die Lehrer hier leben es ihnen vor, motivieren sie, zeigen ihnen, wie man etwas erreicht. In der Welt der Klänge können sie lernen, friedlich miteinander umzugehen und sich gegenseitig zu helfen – der Kampf um das eigene Überleben tritt hier für ein paar Stunden in den Hintergrund und öffnet den Raum für Friede, Harmonie und Schönheit.

1 Sophia Bookmeyer ist seit September 2014 als weltwärts-Freiwillige der Schule fürs Leben in Kolumbien. Bis zum Jahresende 2014 unterstützte sie dort die Arbeit der Fundación Notas de Paz. Der Name bedeutet übersetzt „Noten für den Frieden“. Notas de Paz gibt benachteiligten Kindern und Jugendlichen aus den ärmsten Vierteln in Cali die Möglichkeit, ein Musikinstrument zu lernen und in einem Symphonieorchester zu spielen.
Im Januar 2015 wechselte Sophia ans Colegio de las Aguas in Montebello. Ihr Ziel: Die Erfahrungen, die sie bei Notas de Paz sammeln konnte, in die Schule in Montebello einzubringen. Zusammen mit anderen Freiwilligen ist sie gerade dabei, den zukünftigen Musikraum des Colegio de las Aguas zu verputzen.
Sie leitet außerdem die Flötengruppe der Schule und hat die große Vision, zusammen mit den anderen Musiklehrern ein kleines Symphonieorchester im Colegio aufzubauen.
Wenn Sie das Engagement von Sophia unterstützen möchten, können Sie HIER direkt für den Musikraum in Montebello spenden. DANKE!
2 Bellavista gehört wie Siloé zu den ärmsten Stadtvierteln Calis. In Bellavista hat die Fundación Notas de Paz ihren Sitz.

Artikelbild: „Zwischenbilanz“ von Jamen Abu-Kathir

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