von Harold Salazar1

SAMSUNG CSC

Die schöne Frau, deren Gesicht sich leidvoll verzerrte, jedes Mal, wenn die Sonne es berührte, überquerte die staubige Straße, und während sie in den parkenden Bus stieg, strich sie den Stoff ihres Rockes glatt, spähte ins Innere des Fahrzeugs und hielt Ausschau nach einem Ort, an dem sie ihre Erschöpfung würde abladen können. Ihr Handy klingelte, aber sie antwortete nicht – in der Hoffnung, sich auf den freien Platz setzen zu können, den sie am Ende der langen Sitzreihe entdeckt hatte, beschränkte sie sich darauf zu seufzen und sich aufrecht zu halten. Sie sah aus dem Fenster des Wagens den Horizont.
Nach einer kurzen Wartetzeit fuhr der Bus los. Es war halb drei. Die Frau legte den Kopf zurück und schloss die Augen. Bald würde sie am Ziel sein und nichts und niemand konnte sie mehr aufhalten. Sie dachte an die Vergangenheit, die noch nicht weit zurück lag, dachte an ihren Kampf mit all den Schlankheitskuren, dachte an die Kinder und an die unerbittliche Gewalt ihres Peinigers. Sie erinnerte sich an die Schläge in der Luft, den Windhauch, der ihr verriet, aus welcher Richtung sie das nächste Mal auf sie einprasseln würden, den verzweifelten Versuch, ihre Hände zu heben um so viele wie möglich abzuwehren, bevor sie sie treffen würden.
Das Leben kann sich in eine endlose Stille verwandeln, wenn man sich in Gedanken verliert – eine Stille, die nur unterbrochen wird vom Klappern der sich öffnenden Tür eines Omnibus, der sein Ziel erreicht hat.
Die Sonne hatte Mitleid mit der Frau und die Hitze die ihr bis dahin ununterbrochen im Nacken und zwischen den Brüsten gebrannt hatte, verschwand mit einem Mal und wurde abgelöst von einem kräftigen und erfrischenden Wind. Jetzt war sie weit weg, war wirklich ganz weit weg und auch wenn der Schmerz in ihren Händen noch immer andauerte, sich einschlich wie warmer Sand, so spürte sie doch, dass er nicht mehr so stark zu ihr gehörte wie vorher. Die Kinder! – Aber auch die waren so weit weg, dass die Schläge sie niemals mehr erreichen würden.
Und wieder musste sie daran denken – doch jetzt waren es die Schläge die ihre Seele abbekommen hatte. Das Telefon klingelte erneut und dieses Mal beschloss sie, das Gespräch anzunehmen. Es war ein Vertreter des Programmes zur Verteidigung der Rechte der Frau, der sie zu ihrer mutigen und klaren Entscheidung beglückwünschte. Sie lächelte unter schwarzen Tränen, beendete das Gespräch und steuerte auf das Taxi zu, das sie zu ihrem endgültigen Ziel bringen sollte.
Im Wagen erreichte sie eine Whatsapp-Nachricht2. Jetzt wusste sie, wo ihr Glück sich befand.
Die schöne Frau, deren Gesicht sich nicht länger leidvoll verzerrte als die gleißende Vier-Uhr-Nachmittags Sonne sie traf, öffnete die Tür des Taxis, strich ihre Seele glatt und rannte auf die Kinder zu, die sie erwarteten, sicher bewacht von zwei Männern in Blau, die ihr in diesem Moment wie Engel erschienen. Die Frau beschränkte sich darauf zu seufzen und einfach still zu stehen in der Zeit und einer Umarmung, die ohne Ende war – eine ewige, tröstende Stille.

 

1 Harold Salazar ist Lehrer in der Schule El Saladito, die als Einsatzplatz für weltwärts-Freiwillige der Schule fürs Leben anerkannt ist. Harold Salazar schreibt leidenschaftlich gerne und hat bereits ein Buch mit elf seiner Geschichten veröffentlicht.
Seine Videoprojekte zur Förderung des respektvollen Umgangs in der Schule, wurden bereits im kolumbianischen Fernsehen, in der Zeitung und verschiedenen Bildungseinrichtungen präsentiert.
2 Whatsapp – ein Anwendungsprogramm für Smartphones, mit dessen Hilfe die Benutzer Text, Bild-, Video- und Ton-Dateien zwischen zwei Personen oder in Gruppen austauschen können. Whatsapp läuft über das Internet und hat die meist kostenpflichtige SMS inzwischen weiträumig abgelöst.

Artikelbild “Wiedergutmachung” von Helena Cing

Übersetzung aus dem Kolumbianischen: Karolina Seibold

Gute Geschichten sind Gold wert. Mit Ihrer Spende unterstützen Sie die Menschen dahinter. DANKE!