Von Carolin Rösch1

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Mathe mochte ich schon immer ganz gerne. Das heißt, es fiel mir nie wirklich schwer; ich musste nicht viel lernen, um gute Noten zu schreiben. Doch letzte Woche, letzten Dienstag, hat mich Mathe tatsächlich glücklich gemacht!
Seit das neue Schuljahr hier in Kolumbien begonnen hat, besteht meine Hauptaufgabe in der Einsatzstelle, einer Art Nachmittagsbetreuung, aus „refuerzos escolares“. Das bedeutet in erster Linie Hausaufgaben erklären, aber auch den in der Schule gelernten Stoff zu vertiefen.
Eines Tages kommt also Francy, eine Siebtklässlerin, auf mich zu und fragt mich, ob ich mich denn mit Ganzen Zahlen auskenne. Ich denke kurz an meine Schulzeit zurück, erinnere mich und nicke mit dem Kopf.
Später zeigt sie mir ihr Mathematikheft, die Hausaufgaben, die sie schon gemacht hat. Ich gehe sie durch, korrigiere. Ein paar Ansätze sind gar nicht so schlecht, aber der Großteil stimmt nicht. Also rechnen wir zusammen alles Schritt für Schritt noch einmal durch, bis am Ende die richtigen Lösungen dastehen. Ich bin zufrieden mit diesem Ergebnis. Francy hat gut mitgearbeitet, ist von selbst auf die Antworten gekommen, ich habe ihr nur Hilfestellungen gegeben. Für mich ist das Thema damit erledigt. Für Francy jedoch nicht. Am nächsten Tag kommt sie wieder, bittet mich, mit ihr das Rechnen mit Ganzen Zahlen zu üben. Dabei hat sie nicht einmal neue Hausaufgaben, nein, sie will einfach nur verstehen. Also schreibe ich ihr Aufgaben auf. Sie beginnt, sie zu lösen, fragt mich, wenn sie etwas nicht versteht. So machen wir die ganze Woche weiter, Tag für Tag. Am Freitag bittet mich Francy sogar, ihr Aufgaben zu geben, damit sie übers Wochenende üben kann.
Am Dienstag die Woche darauf begrüßt mich Francy strahlend. Sie ist ein recht schüchternes Mädchen, druckst daher ein wenig herum. Doch schon platzt es aus ihr heraus: „Heute haben wir die Matheprüfung geschrieben! Ich habe eine Fünf! Das ist die erste Fünf, seit ich in die Schule gehe!“ Dazu muss wohl gesagt werden, dass eine Fünf in Kolumbien nach deutschem Maßstab eine Eins mit Sternchen bedeutet! Alle Aufgaben hat sie richtig gelöst! Ich nehme sie in den Arm, gratuliere ihr, freue mich riesig für sie. Aber auch für mich, um ehrlich zu sein: Denn ich merke, dass meine Arbeit hier Sinn macht, dass sie Früchte trägt und das macht mich glücklich! In gewisser Weise habe ich jetzt schon das Ziel erreicht, das ich mir für meine Freiwilligendienst gesetzt hatte: dass es für mindestens einen Menschen positive Auswirkungen hat, dass ich hier in Kolumbien bin. Das ist jetzt allerdings kein Argument, sich zurück zu lehnen, die Füße hoch zu legen, nein, im Gegenteil, genau das ist die Motivation, der Ansporn, weiterzumachen! Denn ein paar Tage später höre ich, wie Francy vor sich hin murmelt: “Ich möchte noch einmal eine Fünf schreiben…“

1 Carolin Rösch ist seit September 2014 als weltwärts-Freiwillige der Schule fürs Leben in Kolumbien. Ihre Einsatzstelle liegt in La Leonera, einem kleinen Bergdorf, eine Autostunde entfernt von Cali.

Artikelbild: „Wie glücklich Mathe machen kann“ von Jamen Abu-Kathir

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