von Antonia Cazzanelli1

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Tag… 205 in Kolumbien. Also noch, kurz nachrechnen, 155 Tage. Gestern vor 29 Wochen setzte ich zum ersten Mal meinen Fuß auf kolumbianische Erde. Und morgen in 22 Wochen werde ich das für lange Zeit zum letzten Mal tun. Übermorgen in einer Woche mal wieder das magische Datum, der 22te. An einem 22ten vor genau sieben Monaten bin ich abgeflogen und es bleiben noch fünf, bis das Jahr voll ist. Also sind sieben Zwölftel geschafft. Und letzten Freitag waren es genau fünf Neuntel, 200 Tage. So viele verschiedene Arten, die Entfernung zu diesem einen Datum auszudrücken: Meiner Heimkehr nach Deutschland.
Ich denke zur Zeit sehr oft daran. Genau genommen jeden Tag. An den 15. September. In jener Woche fängt in Baden-Württemberg das neue Schuljahr an. Meine Mutter schrieb mir vor kurzem: „Freuen wir uns deshalb ausnahmsweise so sehr auf dieses Datum? Natürlich nicht, sondern weil Du zurückkommst!“ Wie lieb von ihr, ging es mir durch den Kopf. Und schon schweiften meine Gedanken wieder dort hin, an diesen einen, besonderen Ort – nach Hause – und wurden melancholisch.

Mein Alltag hier in Kolumbien kostet mich im Moment viel Kraft. Jeder Morgen eine neue Überwindung, aufzustehen und zur Arbeit zu fahren. Müdes Herz und Augen, die nur den grauen Himmel über Cali erblicken.
Klar war von Anfang an, dieses Jahr wird kein Zuckerschlecken. Aber genau das war es in der ersten Zeit ja gewesen. Alles war neu und aufregend, die Menschen so herzlich, ich lebte mich sehr schnell ein, hatte kein Heimweh; kurz, die Zeit verflog nur so. Und jetzt, da laut Aussage früherer Freiwilliger genau dies der Fall sein und ich dem so schnell näher rückenden Ende mit Schrecken entgegen blicken müsste – jetzt, da sehne ich es jeden Tag herbei.

Warum? Diese Frage kann ich Euch nicht beantworten. Ich bin nicht direkt unglücklich. Ich fühle mich wohl in meiner Gastfamilie und in dem relativ großen, schönen Haus in einem der besseren Stadtviertel Calis, umgeben von viel Grün und einem großen Park. Im Colegio de las Aguas, meiner Einsatzstelle, sind die Beziehungen zu manchen Kindern fast schon freundschaftlich, und ich habe dort das Gefühl, gemocht und gebraucht zu werden.
Und immer noch bewundere ich die Arbeit und Herangehensweise meines Vereins, sowie seiner Gründer und Mitarbeiter, sehe die Wichtigkeit ihres Tuns, und wie selbiges zu einer ganz neuen Dynamik in der Gemeinschaft Montebellos führt und so beide Seiten anfangen, die Dinge mit Tatkraft zu verändern. Und ganz besonders überzeugt bin ich auch nach wie vor vom Sinn dieses Freiwilligenjahres, wie es mich verändern wird und schon hat.
Ich könnte – und sollte wohl – sehr glücklich sein, wären da nur nicht all die Selbstzweifel ob der Nützlichkeit meiner Anwesenheit und Tätigkeit hier, die Frage: Tue ich zu wenig? Oder kann ich allein überhaupt wirklich etwas langfristig verändern?
Die häufige Müdigkeit und Traurigkeit. Und die Träume von zu Hause.

Aber wisst Ihr was?

Manchmal kommen aus dem Nichts diese Momente. Platzen mitten hinein in meine Traurigkeit. Ich nenne sie: Die Kolumbien-Momente. Sie kommen immer genau dann, wenn meine Gedanken wieder einmal ganz besonders trüb verschleiert sind. Dann hebe ich den Kopf und – muss plötzlich lächeln. Weil sich da mal wieder eine dieser, für hier so typischen, in Deutschland unvorstellbaren Szenen abspielt.
Eine unbeschreibliche Verwicklung des Straßenverkehrs beispielsweise, die sich am Ende – ich weiß nie, wie – auf zauberhafte Weise und, zugegebenermaßen, durch Mithilfe vieler Hupen und einiger Unflätigkeiten wieder in Wohlgefallen auflöst.
Genau so kann es ein Moment sein, in dem die Abendsonne in einem ganz bestimmten Winkel auf die steilen Berghänge gegenüber Montebellos fällt und mir erst dann wieder, schon ganz gewöhnt an diesen Anblick, auffällt, wie atemberaubend schön die das Colegio umgebende Landschaft ist. Oder einfach, wenn während abendlicher Auto- oder Busfahrten die Lichter der Millionenmetropole schnell an mir vorbeiziehen und ich mich, inmitten all der fremden Menschen und der Dunkelheit, geborgen fühle.
Ich lächele – und die Schleier lichten sich für Augenblicke. In diesen Momenten will ich dann für eine kurze Zeitspanne wieder an keinem Ort der Welt lieber sein als genau hier. Dann weiß ich wieder genau, warum ich in Kolumbien bin, und vor allem weiß ich: Kolumbien hat mich schon lange, vom ersten Moment an. Und es wird mich nicht wieder verlassen, ob ich will oder nicht. Diese Momente sind wie ein Versprechen: „Ich pass‘ auf Dich auf.“ Und vielleicht gerade wegen meiner inneren Zerrissenheit, die auch Kolumbien auf so viel tragischere Weise geprägt hat, fühle ich mich eins mit diesem Land.

1 Antonia Cazzanelli ist seit September 2015 als weltwärts-Freiwillige der Schule fürs Leben in Kolumbien. Ihr Einsatzplatz ist das Colegio de las Aguas in Montebello bei Cali.

Artikelbild „Wenn Kolumbien mich in den Arm nimmt“ von Sophie Bausch

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