von Nora Becker1

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Wahlen sind ja eigentlich immer und überall eine große Sache. Es gibt Plakate an den Laternen und Werbetafeln, manchmal fahren Autos mit Wahlsprüchen durch die Gegend und es laufen Werbeveranstaltungen. Nunja, hier in Cali ist es noch etwas extremer. Um Ausschreitungen nach den Wahlen zu vermeiden, wird kein Alkohl verkauft, außerdem ist die gesamte Polizei der Stadt im Dienst. Über das gesamte Wahl-Wochenende ist alles geschlossen – Supermärkte, Schwimmbäder, Banken, alles.

An dem Wahlsonntag2, von dem ich hier erzählen möchte, hatte das Orquesta Sinfónica Infantil y Juvenil de Siloé3, bei dem ich arbeite, ein Konzert. Ich hatte mich ein wenig gewundert, dass das Konzert ausgerechnet auf dieses Datum gelegt wurde; andererseits kann man ja nicht den ganzen Tag wählen gehen, egal wie groß die Wahlen auch aufgebauscht werden. Ich war jedenfalls froh, etwas zu tun zu haben, denn vieles konnte man einfach nicht machen, da ja, wie gesagt, alles geschlossen hatte, was mich schon etwas nervte.
Das Konzert fand in Siloé4 statt und als wir am Veranstaltungsort ankamen, sprangen um die sechzig Kinder und Jugendliche in Jeans und mit unseren weißen, bedruckten Orchester-T-Shirts aus den Jeeps und brachten die Instrumente zur Bühne. Siloé liegt an einem Berghang und die Bühne war wirklich perfekt platziert. Das Publikum konnte an ihr vorbei auf ganz Cali gucken. Der Blick war unglaublich schön! Wir hatten viel Spaß, alles vorzubereiten, obwohl auch eine leichte Anspannung zu spüren war. Denn es hatten sich schon ziemlich viele Menschen versammelt, um zuzuschauen. Fast ausnahmslos alle trugen Creemos Cali-Hemden – „Wir glauben an Cali“, oder T-Shirts und Fahnen, auf denen „Armitage“ stand.

Und dann erschien doch wirklich Maurice Armitage5, der Mann, dessen Gesicht ich von unzähligen Wahl-Plakaten kannte. Auf einmal machte vieles in meinem Kopf Sinn. Armitage ist ein Kommunal-Politiker und der Chef von SIDOC, einem großen Metallunternehmen hier in Cali, das auch das Orchester in Siloé als soziales Projekt fördert. Er kandidierte bei diesen Wahlen für das Amt des Bürgermeisters und, wie ich jetzt zu begreifen begann, fand das Konzert wohl ihm zu Ehren statt. Als er dann kam, rasteten auf jeden Fall alle Menschen total aus. Sie liefen auf ihn zu, wollten ihn berühren und schrieen seinen Namen und seinen Wahlspruch. Auch der leichte Regen, der genau im Moment seines Auftritts einsetzte, schien sie nicht zu stören. Das Ganze wurde von Kamerateams festgehalten. Die Hymnen von Kolumbien, Valle de Cauca und Cali erklangen und alle sangen mit. Unser Konzert danach wurde dabei eher zur Hintergrundmusik und bloßen Untermalung für Armitages Anwesenheit. Manchmal liefen die Kamerateams auch einfach mitten durch das Orchester, um bessere Einstellungen zu bekommen und es gab immer wieder Ansagen mit den aktuellen Hochrechnungen, die jeweils lautstark bejubelt wurde. Und dann, auf einmal, war es klar – Armitage hatte die Wahlen gewonnen. Von da an gab es kein Halten mehr. Alle flippten noch mehr aus, sie schrieen, jubelten, klatschten und bestätigten Armitages kurze Rede mit euphorischen “Eso es” – Rufen: “So ist es”
Und dann wurden Fotos gemacht. Armitage stellte sich vor das Orchester – und alle Kinder stürmten nach vorne um mit ihm aufs Bild zu kommen. Ich kam mir leicht fehl am Platz vor; das Ganze wirkte auf mich eher wie eine Sekte, die ihren Guru feiert. Und wie gesagt, am Anfang hatte ich ja auch noch gar nicht verstanden, worum es ging – doch dann waren alle so beigeistert und ihre Freude steckte mich schließlich an. Die Stimmung war auch wirklich zu schön.

Als Armitage dann gegangen ist, war damit auch das Konzert vorbei. Und es fing an, stärker zu regnen. Aber das war egal. Schnell wurde alles eingepackt, Brot und Trinken verteilt und anschließend Musik angestellt. Alle Kinder, Jugendlichen und auch die Erwachsenen, die noch da waren, waren in bester Stimmung und alle noch ziemlich aufgedreht. Es wurde getanzt, gehüpft und viel gelacht. Mittlerweile war es stockdunkel und der Blick auf die Stadt, die jetzt im Lichterglanz lag, war noch einmal auf eine ganz andere Art beeindruckend und fesselnd.

Der Tag war eine spannende und auch lustige Erfahrung für mich. Denn selbst wenn ich es am Anfang etwas befremdlich fand, wie hier eine einzelne Person gefeiert und verehrt wurde, konnte ich doch das Gefühl genießen, zu einer großen Gemeinschaft zu gehören. Und die zeigte sich nicht mehr nur in unseren einheitlichen T-Shirts. Wir waren alle so gut gelaunt und voller Freude – eine richtig gute, lustige, große Gruppe.
Tja, so schnell geht das hier, man muss sich nur drauf einlassen!

1 Nora Becker ist seit September 2015 als weltwärts-Freiwillige der Schule fürs Leben in Cali.
2 Die hier beschriebenen Wahlen fanden Ende Oktober 2015 statt – Maurice Armitage, der damals einstimmig zum neuen Bürgermeister von Cali gewählt wurde, ist damit fast ein Jahr im Amt. Hier ein kurzer Clip, der die euphorische Stimmung widerspiegelt, von der Nora in ihrer Geschichte erzählt: Maurice Armitage gana alcaldia
3 Das Orquesta Sinfónica Infantil y Juvenil de Siloé bietet Kindern und Jugendlichen, die ansonsten keine Gelegenheit und nicht die Mittel dazu hätten, die Möglichkeit, ein Instrument zu lernen und in einem Orchester zu spielen. Dabei geht es nicht darum, Profimusiker auszubilden. Es ist egal, wie gut jemand spielt. Wichtig ist nur, dass die Kinder und Jugendlichen, die sich ansonsten wahrscheinlich eher auf der Straße herum treiben würden, regelmäßig und gerne kommen.
4+5 Maurice Armitage, geb. 1945 in Cali, studierte an der Universidad del Valle Jura. Er ist Unternehmer und seit fast 30 Jahren Präsident der Firma SIDOC mit Sitz in Siloé, einem der sozialen Brennpunkte Calis. SIDOC engagiert sich seit vielen Jahren im sozialen Bereich und betreibt unter anderem Freizeitprojekte wie ein Fußballprogramm für Kinder oder besagtes Orchester.

Artikelbild „Wahlen in Cali“ von Nora Becker

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