von Lukas Kretschmar1

151023 Archiv_Von Vorurteilen und vertauschten Rollen_822px

Nachts um halb eins im Südosten der Stadt. Die Straße wirkt wie leer gefegt und nichts zeugt von der Geschäftigkeit, die sonst das Leben hier bestimmt. Wir, das sind Alejandro2, Josien3 und ich, haben gerade noch eine andere Freiwillige nach Hause gebracht und befinden uns jetzt auf dem Rückweg ins Zentrum der Stadt.

Tief und intensiv in ein Gespräch verwickelt, bemerken wir erst im letzten Moment, dass der Motor stottert und schließlich ganz ausgeht. Alejandro flucht und regt sich über sein Auto auf. Es habe ihm mal wieder nicht mitgeteilt, dass das Benzin bald leer ist. Ratlos steigen wir aus und überlegen, wer beim Auto warten und wer zur nächsten Tankstelle spazieren soll. Drei Blöcke weiter beginnt das Barrio León XIII, welches Teil des Großdistrikts Aguablanca im Osten der Stadt ist. Die Region, in der sich in den letzten Jahren viele Binnenflüchtlinge angesiedelt haben. Die Armuts- und Kriminalitätsrate ist hier wesentlich höher als in anderen Gegenden der Stadt.

Immer noch in unsere Diskussion vertieft, wer nun was wie macht, kommt ein junger Mann mit Fahrrad um die Ecke. Direkt bietet er sich an, den Gang zur Tankstelle auf sich zu nehmen. Als er sich mit unseren 10.000 Pesos4 auf den Weg macht, scherzen Josien und ich bereits darüber, ob er wohl jemals zurückkommen wird. Entsprechend groß ist unsere Überraschung, als er keine fünf Minuten später abgehetzt mit einem Beutel Benzin wieder auftaucht. Alejandro drückt ihm 2.000 Pesos in die Hand und der junge Mann bedankt sich – nicht nur für das Geld, sondern auch dafür, dass er uns helfen durfte.

Das Benzin eingefüllt, setzen wir uns wieder ins Auto. Inzwischen freuen wir uns riesig auf unsere Betten. Alejandro dreht den Zündschlüssel.

Erster Versuch – nichts.

Zweiter Versuch – nichts.

Die Prozedur mehrmals wiederholt, passiert noch immer nichts. Verwirrt schaue ich rüber zu meinem Gastbruder. Ich habe keine Ahnung von Autos, höchstens mit Motorrädern kenne ich mich ein wenig aus.

In der Zeit ist Josien aber schon ausgestiegen und erklärt halb Spanisch, halb mit Händen und Füßen gestikulierend:

“Kommt schon Jungs! Das ist doch nichts Dramatisches. Lukas und ich schieben an und du bremst kräftig, damit das Benzin vorne zum Motor fließt!”

Gesagt, getan. Und wirklich: Das Auto springt an!

Das ist der Moment, in dem ich anfange mir Gedanken über die Rollenverteilung von Mann und Frau zu machen. Hier in Kolumbien ist die nämlich noch ziemlich klar vorgegeben. Niemand würde hier erwarten, dass eine Frau Ahnung von Autos hat. Und in Deutschland?

Und so machen wir uns endlich auf den Weg nach Hause, von einem Vorurteil befreit und um ein paar Gedanken zum Thema “Mann und Frau” reicher.

Und wieder einmal wird mir klar, dass jede Situation im Leben, gleich gültig ob gut oder schlecht, uns doch stets ein bisschen mehr über dieses lernen lässt und uns hilft, es zu verstehen.

 

1 Lukas Kretschmar ist seit Mitte September 2015 als weltwärts-Freiwilliger der Schule fürs Leben in Cali. Er und die 27 anderen Freiwilligen sind dort bei Gastfamilien untergebracht.

2 Alejandro MontesLukas‘ Gastbruder und Mentor der Freiwilligen

3 Josien van Kampen – Mitfreiwillige

4 10.000 kolumbianische Pesos sind umgerechnet 3 Euro 15 Cent

Artikelbild: “Frauen bewegen die Welt” (Archiv der Schule fürs Leben)

Gute Geschichten sind Gold wert. Mit Ihrer Spende unterstützen Sie die Menschen dahinter. DANKE!