von Stephanie Tradt1

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Wo sind die Mangos? Wo mein tägliches Frühstück aus Reis und Linsen? Wo der vertraute, wohlklingende Lärm?

Ich liebe die „Ich erzähl dir“-Geschichten, die wöchentlich auf der Webseite von Schule fürs Leben veröffentlicht werden und lese sie regelmäßig. Und natürlich habe ich auch die Geschichten der neuen, frisch in Cali angekommenen Freiwilligen, gelesen.
Schön war es, sie zu lesen. Ich kenne dieses Gefühl noch gut von mir selbst vor einem Jahr und die Texte bringen mich dazu, mich zu erinnern und fast immer muss ich dabei lächeln. Zum Beispiel die Geschichte von Inca2, die völlig fasziniert ist, als sie mitten in Cali einen vor reifen, saftigen Früchten strotzenden Mangobaum entdeckt. Aber ich kenne dieses Gefühl des Staunens auch vom Jetzt und Hier, denn mit meiner Rückkehr nach Deutschland musste ich da irgendwie nochmal durch!
Hier ein paar meiner „Frisch-zurück-auf-heimatlichem-Boden-Momente“:
Mann ich fass‘ es nicht! Hier wachsen wirklich Äpfel am Baum. Ist das cool! – Und all die Autos hier. Die sind so sauber, groß und schnell! Wo sind die Motos3 und Jeeps? – Verrückt wie still hier alles ist! Wo ist die Musik und wo der Menschen- und Straßenlärm?
Und schließlich:
Die Deutschen können zwar gutes Brot backen, aber Reis kochen können sie nicht!
Das Kolumbiengefühl, der Lärm, die Musik, die Gerüche, der Geschmack, waren mir nach meiner Ankunft in Cali in so kurzer Zeit so vertraut und wirklich zu meinem Leben geworden. Und so kam es, dass ich nach meiner Rückkehr meine Heimat Deutschland als fremd und seltsam empfand, obwohl ich dort 18 Lebensjahre verbracht hatte!
Mittlerweile – nach drei Monaten zurück – hat sich das Gefühl der Fremdheit im eigenen Land natürlich wieder gelegt, doch an Mangos, Reis und Linsen zum Frühstück und an den Lärm muss ich immer noch oft denken und dann spüre ich ganz deutlich: es schlagen jetzt zwei Herzen in meiner Brust.
Eines für Äpfel, Ruhe und Brot und das andere für Mangos, Musik und Reis.

1 Stephanie Tradt war von September 2015 bis September 2016 als weltwärts-Freiwillige der Schule fürs Leben in Kolumbien. Sie unterstützte dort die Mitarbeiter der gemeinnützigen Organisation Funprovidas. Inzwischen wohnt Stephanie wieder bei ihrer Familie, arbeitet in Papas Schreinerei, macht ein Praktikum und verdient sich so das Geld für das zum Sommersemester beginnende Studium und ihre für Februar geplante einmonatige Reise zurück in ihre neue, zweite Heimat Kolumbien.
2 Gemeint ist die Geschichte Mangos von den Bäumen schütteln von Inca Heinlein, einer der aktuellen weltwärts-Freiwilligen von Schule fürs Leben.
3 Motos = in Kolumbien die Bezeichnung für Motorräder, Mopeds und Mofas

Artikelbild „Vom umgekehrten Kulturschock“ von Samya Bascha-Döringer

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