von Julian Erzmann1

151105 Seibold, Karolina_Rosa, Glitzer und Tröten_822px

Alles ist rosa. Um mich herum glitzert gold- und pinkfarbene Folie und ein grell blitzender Neonscheinwerfer strahlt mir ins Gesicht und blendet mich. Männer und Frauen jeden Alters tanzen ausgelassen zu Technomusik. Sie tragen pinke Leopardenmasken, haben Tröten im Mund und längliche Luftballons um den Hals gewickelt. Nur ein Mädchen sticht aus der Menge heraus. Sie trägt ein langes, hochzeitskleidähnliches, wunderschönes und bestimmt sehr teures, rosa Kleid. Dazu funkelnde Schuhe und ein so breites Lächeln, dass ihre Vorderzähne zu sehen sind. Es ist ihr Geburtstag. Ihr 15. Geburtstag. Die Atmosphäre ist sehr ungewohnt für mich; der Anblick der vielen erwachsenen Menschen mit den lauten schrillen Tröten im Mund und den Leopardenmasken im Gesicht entzückt mich und lässt mich noch im Nachhinein leicht grinsen.

Der gesamte Abend begann damit, dass das Geburtstagskind, geleitet von seinem Freund, seinem Vater und seinem Großvater, in den Raum und zu einem edel bestückten, thronähnlichen und ebenfalls pinkfarbenen Stuhl gebracht wurde; das Ganze begleitet von stetem und exzessivem Applaus und unzähligen Menschen mit gezückten Handys und Kameras. Knapp hinter dem Mädchen und ihren Begleitern ging ein Junge, im Anzug gekleidet, mit einem rosa Kissen auf seinen ausgestreckten Händen, auf dem, elegant platziert, golden funkelnde Schuhe lagen. Das Mädchen setzte sich auf den, im Zentrum des Raumes stehenden, imposanten „Thron“ und die Begleiter knieten sich vor sie, küssten ihre Hand und tauschten ihre Ballerinas mit den eleganten, hochhackigen Schuhen auf dem Kissen. Damit wurde das Mädchen vom Kind zur Frau. Eine symbolische Geste, die in Kolumbien an 15. Geburtstagen weit verbreitet ist. In Deutschland unterscheidet sich der fünfzehnte kaum von anderen Geburtstagen; hier in Cali jedoch ist er ein rauschendes Fest in Rosa, Glitzer und Tröten und sicher einer der wichtigsten Momente im Leben einer jungen Frau.

1 Julian Erzmann ist seit September 2015 als weltwärts-Freiwilliger der Schule fürs Leben in Kolumbien. Sein Einsatzplatz ist die Fundación Fanalca, die in den letzten Jahren vier Freizeitparks in den gefährlichsten Stadtteilen Calis eingerichtet hat. Julian arbeitet sowohl in den Parks als auch in den naheliegenden Schulen und unterrichtet Kinder und Jugendliche in Englisch, Sport und Kunst. Darüber hinaus betreut er kreative Programme, in denen gebastelt oder musiziert wird.

Artikelbild „Rosa, Glitzer und Tröten“ von Karolina Seibold

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