von Theresia Ketterer1

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„Profe! Profe!“2 Ich habe gerade das Tor zum Schulgelände passiert, als plötzlich ein kleiner Junge angerannt kommt und mich auf Bauchnabelhöhe fest umarmt. „Hola profe!“ ruft mir der kleine Junge in den Bauch. „Hola, zeig mal her, wer bist du denn?“ Ich habe keine Ahnung, wer mich da gerade umarmt – zu schnell kam der Ansturm des Kleinen, dessen Gesicht noch immer in mein T-Shirt vergraben ist. „Ich bin‘s profe! Adrian*!“
„Ach hallo Adrian. Dich habe ich ja schon lange nicht mehr gesehen! Wie geh…“
Ausreden lässt mich Adrian aus der ersten Klasse nicht. „Guck mal profe, was ich jetzt kann!“ Er lässt mich unvermittelt los, schnallt seinen Schulranzen vom Rücken und wirft ihn mit aller Kraft auf die Seite.
„Oh, was hast du denn Schönes gelernt?“
Da fängt der kleine Adrian an, Rad zu schlagen und in einem mehr oder weniger aufrechten Handstand ein paar Schritte zu laufen. Wieder auf den Füßen, strahlt er mich an, schnappt sich seinen Rucksack, drückt mich noch einmal und rennt so schnell davon, wie er gekommen ist.

Adrian war eines der Kinder aus unserer Weihnachtsferien-Betreuung. Bis vor ein paar Wochen war er aufgrund der fehlenden coberturas3 – das sind staatliche Zuschüsse, von denen unter anderem auch die Lehrergehälter bezahlt werden – noch nicht wieder zur Schule gegangen. Doch wie es schien, hatte Adrian die viele freie Zeit damit verbracht, das Rad und den Handstand zu üben. In der Ferienbetreuung hatten wir einige Stunden auf dem Hartplatz verbracht. Mit Toben, Sport und natürlich mit ganz viel Fußball. Aber wir hatten damals auch ein bisschen Akrobatik angeboten und eben ein wenig Turnen. Und wie es schien hatte es besonders das Turnen dem kleinen Adrian angetan.

Mich hat diese Situation sehr berührt und ich freue mich noch jetzt, wenn ich an Adrians strahlendes Gesicht denke. Die stürmische Begegnung mit ihm hat mir gezeigt, dass ich selbst mit so einfachen Dingen wie Radschlagen oder im Handstand Laufen andere glücklich machen kann. Und das, obwohl wir keine einzige Matte hatten, nur einen harten, rauen Betonboden.

*Name von der Redaktion geändert

1 Theresia Ketterer ist seit September 2015 als weltwärts-Freiwillige der Schule fürs Leben in Kolumbien. Ihr Einsatzplatz sind die Talleres de las Aguas in Montebello. Außerdem unterstützt sie das Bambuspressen-Projekt. Während der Weihnachtsferien, die in Kolumbien sehr lange dauern – von Anfang Dezember bis Ende Februar – hat sie zusätzlich zu ihrer normalen Arbeit, gemeinsam mit ihren Mit-Freiwilligen Merle Lütje und Antonia Cazzanelli, ein Ferienprogramm für die Schülerinnen und Schüler des Colegio de las Aguas organisiert.
2 profe – Kurzform für profesor / profesora (spanisch für Lehrer / Lehrerin)
3 coberturas – staatliche Schulen und staatlich anerkannte Privatschulen können in Kolumbien sogenannte coberturas beziehen – Zuschüsse, von denen unter anderem die Lehrergehälter bezahlt werden. Anfang 2016 erließ das kolumbianische Erziehungsministerium ein Dekret, nach dem die Bedingungen für eine Bewilligung dieser Zuschüsse für private Schulen extrem verschärft wurden. Der Grund: es hatte Gerüchte gegeben, dass einige Privatschulen die staatlichen Gelder veruntreut hätten und eine Reihe von Schulen dem Bildungsanspruch nicht genügen würden. Als Folge wurden die Zahlungen an sämtliche privaten Schulen auf unbefristete Zeit eingestellt. Alle Schulen sollten einer strengen Prüfung unterzogen werden und erst nach erfolgreichem Abschluss wieder Zuwendungen erhalten. Seit Monaten kann deshalb auch im Colegio de las Aguas nur eingeschränkter Unterricht stattfinden. Inzwischen steht fest: Das Colegio de las Aguas hat das beste Ergebnis aller, vom Staat unterstützten Schulen erzielt und liegt mehr als einen Punkt über dem kolumbianischen Landesdurchschnitt!!!!!
Siehe auch unseren Artikel: Fantastisches Ergebnis für die Schule in Montebello

Artikelbild „Profe! Profe!“ von Theresia Ketterer

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