von Nora Becker1

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Zwischen den Unterrichtseinheiten an den Nachmittagen gibt es in meiner Fundación, dem Orquesta Sinfónica Infantil y Juvenil de Siloé2, immer eine kleine Pause. Eigentlich dient sie dazu, kurz auf Toilette zu gehen, etwas zu trinken, die Instrumente zu holen und den Proberaum zu wechseln. Tatsächlich wird die „kleine“ Pause aber meist etwas länger.
Die Professoren nutzen sie, um sich im Office zu treffen und eine, okay zwei, Becher Kaffee zu trinken. Jeden Tag ist jemand anderes dafür zuständig, das in Kolumbien typische Milchbrot mitzubringen, das zum Kaffee gegessen wird.
Die Jugendlichen nutzen die Zeit, um einfach zu quatschen oder auch, um sich gegenseitig aufzuziehen und manchmal wilde Späße zu treiben.
Die Jüngeren kramen ihr Kleingeld zusammen und kaufen sich am Kiosk gegenüber ein Bonbon, einen Kaugummi oder vielleicht sogar ein Getränk. Es wird herumgealbert und erzählt.

Bis dann eines Tages eine der Kleinsten ein langes Seil mitbrachte, welches sie gefunden hatte und das dann auch direkt von allen bestaunt und gleich ausprobiert wurde. Ich erklärte mich bereit, die eine Seite des Seiles zu schwingen, damit möglichst viele Kinder springen konnten. Sofort bildeten die Jüngeren eine Traube und rannten alle mehr oder weniger gleichzeitig auf das Seil zu. Natürlich klappte es so nicht. Ständig blieb jemand im Seil hängen und keiner konnte längere Zeit an einem Stück durchgehend springen. Auf einmal kam der Vorschlag auf, zwei Reihen zu bilden, um paarweise zusammen zu springen, statt das Seil als chaotischer Haufen zu überrennen. Das klappte auf Anhieb viel besser. Die Kinder hatten jetzt, wo sie öfters springen konnten, echt Spaß. Es wurde viel gelacht und gerufen.
Das weckte die Neugierde der Älteren. Sie kamen zu uns rüber. Aber anstatt sich einzureihen, sprangen sie immer direkt dazwischen, was mich erstmal denken ließ, dass sie die Jüngeren nur ärgern wollten und sich über das Spiel lustig machten. Für mich selber war Seilchen springen auch eher typisch für die Grundschulzeit gewesen und nichts, was ich als Teenager gemacht habe. Doch als die Großen schließlich merkten, dass die Kleinen mit System immer wieder einsprangen, hörten sie auf zu stören und stellten sich – nach einigen Hinweisen und Bitten – selbst auch hinten an. Und genauso natürlich übernahmen sie auch im Wechsel die Aufgabe des Seilschwingens.

Und dann sprangen da von einem Moment auf den anderen die Siebenjährigen mit den Siebzehnjährigen! Das war so unglaublich wunderschön mit anzusehen. Es hat solchen Spaß gemacht, zu merken, welchen Ehrgeiz sie alle entwickelten, möglichst oft zu springen und wie sehr sie es genossen.
Immer wenn jemand hinfiel, aber auch, wenn jemand falsch einsprang, wurde das mit lautem Rufen kommentiert. Genauso, wenn sich die Größeren versuchten, vorzudrängeln. Lustige Bewegungen wurden mit sehr viel Lachen quittiert und jeder Sprung laut mitgezählt.

Irgendwann merkte ich, dass die Profes uns durchs Fenster die ganze Zeit beobachtet hatten und deshalb die Pause noch etwas länger hatten werden lassen. Als wir uns nach dem Klingeln dann alle wieder zu den jeweiligen Proben aufmachten, waren wir ziemlich am Schwitzen und ganz schön geschafft – aber genauso am Lachen und Erzählen…
Was so ein einfaches Seil doch Wundervolles bewirken kann…

1 Nora Becker war von September 2015 bis September 2016 als weltwärts-Freiwillige der Schule fürs Leben in Kolumbien. Ihre Einsatzstelle war die Fundación SIDOC in Siloé, einem sozial schwachen Stadtteil im Westen Calis. Inzwischen studiert Nora an der Universität in Köln Psychologie.
2 Das Orquesta Sinfónica Infantil y Juvenil de Siloé ist ein Kinder- und Jugendorchester, das von der Fundación SIDOC unterstützt wird.

Artikelbild „Mit einem Seil“ von Nora Becker

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