von Timon Miesner1

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Es ist Dienstag, halb fünf nachmittags. Endlich sitzen wir im Bus nach Buga. Das Einzige, was wir heute den ganzen Tag gemacht haben, ist ein Paket abzuholen. Ewig auf den Abholschein gewartet, zweimal bei der Poststelle und bei drei verschiedenen Banken gewesen, hin- und hergelaufen und in Schlangen gestanden. Dabei hat sich in mir Zivilisationspessimismus breit gemacht. Im Bus atme ich etwas durch. Ich freue mich, heute Abend wieder in dem kleinen Dorf zu sein, in dem ich arbeite. Zuerst hole ich Stift und Papier heraus, und schreibe drauf los:

Menschen. Menschen. Dröhn dich voll, um’s auszuhalten. Mit Postobón2. Mit Caracol3. Menschen. Menschen. Die Allmende4 ist verstopft. Jeder nimmt sich ein Stück von dem verdörrten, plattgetretenen Gras. Menschen. Ich will auch. Zum Takt der Busse Fahrkarten bezahlen. Pissen. Bezahlen. Fürs Warten. Während am Schalter der Beamte genauso verzweifelt wie wir am siebenundfünfhundertsten Platz in der Schlange, die Menschen fressend kundenbezogene Servicedienstleistungen scheisst. Arbeit. Ist gut, weil Geld. Geld für Miete, Wasser, Strom, Geld für Chips und Fleisch und Bus und Auto.
Mach den Fernseher an. Mach das Radio an. Stopf mir Watte zwischen die Ohren. Ich halte die dröhnende Stille nicht aus, die sich in mir breit macht, wenn ich mir selbst und dem Universum lausche.
Gib mir mehr. Gib mir mehr. Ich bin ja kein schlechter Mensch, ich will nur das Beste für mich. Echt. Also lass den Scheiß und stell dich hinten an. Nein, ich geb‘ dir nichts. Ist für mich. Geh arbeiten. Mir egal, wo.
Ich gebe Gas. Müssen noch vor 11:42 Uhr 3021 Arbeitseinheiten ausgeliefert haben, und sie jemand anderem in die Hand drücken, um von seinem Geld zu leben. Toll, ich hab mir heute ein HautentschlaffungsFliesenreinigungsEcopowerfixSpray gekauft. Mir geht es gut. Ich hab ja einen hohen Wert auf dem Arbeitsmarkt, sagt die Artischocke, rückt sich die Krawatte zurecht und nimmt eine Nase voll. Dolex5. Sonst wäre es ja nicht auszuhalten. Dann könnte ich nicht arbeiten. Ich bin nicht froh. Nein, hier doch nicht. Aber es geht mir gut. Ich lebe ja in der Stadt.

1 Timon Miesner ist seit September 2014 mit Schule fürs Leben als weltwärts-Freiwilliger in Kolumbien. Er arbeitet bei Asobambu, dem Träger des ersten Bambuswald-Projektstandortes in den Bergen nahe Buga, anderthalb Autostunden nördlich von Cali. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln dauert die Reise doppelt so lang. Timon fährt unregelmäßig und nicht häufiger als zwei bis drei mal monatlich nach Cali.
2 Postobón: Kolumbianische Gertänkemarke, die vor allem Softdrinks verkauft
3 Caracol: Einer der größten Fernseh- und Radiosender Kolumbiens
4 Allmende: Gemeinschaftlich genutztes Land. In der Sozialwissenschaft ist die „Tragik der Allmende“ ein Modell für Situationen, in denen frei verfügbare Güter von der Gemeinschaft unvorteilhaft genutzt werden, z. B. die Überfischung der Meere
5 Dolex: Verbreitetes Schmerzmittel, im Supermarkt rezeptfrei zu kaufen

Artikelbild: „Millionenstadt Cali“ von Tobias Jost

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