von Antonia Freihart1

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Überaus glücklich und voller Vorfreude sitze ich im Intercity nach Stuttgart. Tausende Gedanken und Ideen schwirren in meinem Kopf herum. Ich bin auf dem Rückweg vom Fundraising-Seminar, das Schule fürs Leben dieses Wochenende in Frankfurt veranstaltet hat. Es ging darum, Ideen und Methoden rund ums Spendensammeln zu erarbeiten und auszutauschen. Die zwei Tage haben mich so inspiriert, dass ich am liebsten sofort mit meinen neuen Spenden-Aktionen loslegen würde.
Da reißt mich eine Durchsage aus meinen Gedanken: „Liebe Fahrgäste, es liegen unbekannte technische Fehler vor, die zu beheben sind. Unser Zug steht leider für ungewisse Zeit.“ Das heißt, ich verpasse möglicherweise meinen Anschluss in Stuttgart. „Ach egal“, denke ich. Das Wochenende in Frankfurt hat sich auf jeden Fall gelohnt.
Irgendwann nehme ich wahr, dass wir wieder fahren; vielleicht erreiche ich den Intercity in Stuttgart ja doch noch. Ein Blick in den Fahrplan bestätigt mir, dass ich nicht einmal den Bahnsteig wechseln muss. Also klappt es sicher.
Kurz vor Stuttgart, ich packe schon langsam meine ganzen Sachen zusammen, ertönt wieder eine Durchsage: „Liebe Fahrgäste, leider sind erneut technische Fehler aufgetreten, die die Weiterfahrt unseres Zuges auf unbestimmte Zeit verzögern werden. Wir bitten Sie um Ihr Verständnis.“ Genervt verfolge ich auf meiner Handyuhr, wie ich erst den Intercity und dann auch noch den nächsten Regionalexpress ab Stuttgart verpasse. Naja, macht ja nichts, dann nehme ich eben den RE eine Stunde später. Es ist kurz vor halb acht, als ich schließlich in Stuttgart in den Zug Richtung Ellwangen steige. Inzwischen habe ich knapp zwei Stunden Verspätung. Ich freue mich trotzdem auf Zuhause und, dass es jetzt endlich weiter geht. Meine Laune verschlechtert sich jedoch erheblich, als folgende Meldung ertönt: „Achtung, der Notarzt befindet sich auf den Gleisen; wir stehen für unbestimmte Zeit.“ Genervt schreibe ich meinem Cousin, dass meine Zugfahrt sicher nicht mehr schlimmer werden kann. Doch ich werde eines besseren belehrt.
Der Zug muss komplett geräumt werden. Uns Fahrgäste verfrachtet man in Busse, die uns erst mal bis Schwäbisch Gmünd bringen sollen. Und als wäre das nicht schon genug, fahren wir jetzt auch noch mitten in ein starkes Unwetter hinein. In wenigen Minuten entwickeln sich die anfänglich leichten Tropfen zu starkem Dauerregen mit Blitz und Donner. Resigniert bemerke ich, dass das Unwetter aber nicht nur außerhalb des Busses tobt, sondern auch im Bus. Es regnet tatsächlich rein! Wie kann denn ein Bus nur undicht werden?
Als wir schließlich am Bahnhof von Schwäbisch Gmünd ankommen, sehe ich beruhigt den wartenden Zug auf Gleis 2. Dieser Zug, da bin ich sicher, wird mich endgültig nach Hause bringen. Blöd nur, dass man Gleis 2 nur durch eine Unterführung erreichen kann und ich erst jetzt bemerke, was das Unwetter angerichtet hat: Die Unterführung ist komplett überschwemmt; nicht einmal durch schwimmen könnte man. Bin ich etwa im falschen Film? So viele Pannen auf nur einer Zugfahrt? Aufgewühlt rufe ich meinen Papa an und schildere ihm das Chaos. Beruhigend verspricht er mir, sich sofort ins Auto zu setzen und mich abzuholen. Um mich abzulenken, schreibe ich meinem Cousin, der ganz in der Nähe von Schwäbisch Gmünd wohnt, von meiner misslichen Situation und erfahre so, dass mein Papa mich gar nicht abholen kann. Die Stadt ist komplett überschwemmt und für Autos absolut unpassierbar.
Da sitze ich nun, minimal überfordert, allein auf diesem Bahnhof, müsste eigentlich schon seit über zwei Stunden zuhause sein und habe keine Idee, wie ich dorthin kommen soll. Ich beschließe, über die Gleise zu dem wartenden Zug zu laufen – viel kann ja nicht passieren bei all dem Stillstand… Ein Notfallmanager der Deutschen Bahn, der glücklicherweise vorbei kommt, erklärt mir, dass es zwar Strom gäbe, aber leider auch Probleme im Stellwerk. Es seien aber schon Techniker vor Ort; länger als eine halbe Stunde sollte es nicht mehr dauern. Ich zähle jede einzelne Minute und bitte meinen Papa, mich statt dessen am Bahnhof in Aalen abzuholen. Endlich sind die dreißig Minuten vorbei, doch der Zug fährt einfach nicht los. Nach weiteren anderthalb Stunden Warten verliere ich den letzten Funken Hoffnung.
Mein Papa hat inzwischen zusammen mit meinem Onkel und meinem Cousin einen Plan ausgeklügelt: Ich soll zu Fuß zu einem Treffpunkt laufen, an dem mein Onkel mich dann abholen wird. Für mich heißt das: eine halbe Stunde auf gut Glück durch eine Stadt laufen, in der ich mich nicht auskenne und hoffentlich irgendwie den vereinbarten Treffpunkt finden. Völlig fertig mache ich mich auf den Weg, laufe durch Straßen voller Feuerwehrautos, Krankenwagen und Notärzten. Nachdem ich gefühlt tausend Leute nach dem Weg gefragt habe, erreiche ich schließlich tatsächlich den vereinbarten Treffpunkt und steige erleichtert zu meinem Onkel ins Auto. Ich stehe noch völlig neben mir, als mein Cousin uns um kurz vor Mitternacht die Türe öffnet. Mein eigenes Zuhause werde ich erst am nächsten Tag erreichen. Statt wie geplant am Sonntagabend um sieben, komme ich dort völlig erschöpft am Montagmorgen um halb zehn an.
Die folgenden Tage sollten zeigen, dass ich an jenem Sonntagabend mitten in eine der größten Unwetterkatastrophen2 geraten war, die es in unserer Region je gegeben hat und verglichen mit den vielen Menschen, die an diesem Abend ihr Zuhause verloren oder denen noch Schlimmeres zustieß, hatte ich im Grunde wirklich Glück gehabt.
Und ich habe beschlossen, diese Erfahrung als ganz persönliche Vorbereitung für Kolumbien zu sehen. Ich will auch dort versuchen, die Ruhe zu bewahren und positiv zu denken, wenn ich in Situationen geraten sollte, in denen ich mich missverstanden und überfordert fühle.

1 Antonia Freihart ist Ende September 2016 für ein Jahr als weltwärts-Freiwillige der Schule fürs Leben Richtung Kolumbien aufgebrochen. Ihre Geschichte entstand während des zehntägigen Vorbereitungs-Seminars in Frankfurt.
2 Das Sturmtief Elvira hinterließ am letzten Wochenende im Mai 2016 in ganz Deutschland eine Schneise der Verwüstung. Vier Menschen starben, unzählige verloren ihre Häuser. Straßenzüge wurden überschwemmt, Bäume umgestürzt, der Verkehr kam in weiten Teilen des Landes über Stunden vollständig zum Erliegen. Besonders hart traf es unter anderem den Kreis Ostalb in Schwaben, wo Antonia zu Hause ist.

Artikelbild „Meine ganz persönliche Vorbereitung auf Kolumbien“ (Archiv der Schule fürs Leben)

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