von Inca Heinlein1

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Valeria* sieht meistens müde aus; hat tiefe Augenringe. Ich sehe sie die Woche über sehr häufig. Entweder holt sie mittags Essen in der Fundación2 oder sie bringt ihre beiden Töchter zu meinen Kursen. Beide haben sämtliche Angebote belegt, die sie belegen konnten. Auch wenn Valeria häufig zu spät kommt, obwohl sie sich eigentlich immer beeilt, ist sie verlässlich irgendwann da. Sie ist 26 Jahre alt und alleinerziehende Mutter von insgesamt fünf Mädchen. Das älteste ist 12, das jüngste drei Jahre alt. Als ich Valeria kennen lernte, in meinen ersten Tagen hier, war sie unheimlich interessiert und hat mir sehr viele Fragen gestellt. Ich habe sie direkt zu meinem Englischkurs für Erwachsene eingeladen, doch sie sagte etwas traurig ab. Dafür habe sie keine Zeit. Mir war damals noch nicht klar, dass sie fünf Töchter hat. Ich hatte sie viel jünger eingeschätzt und erst Recht nicht als Mutter von fünf Kindern. Doch je länger ich sie kenne, desto mehr wird mir klar, wie viel sie zu meistern hat. Jeden Tag bringt sie ihre Kinder zur Schule, kocht für alle oder kocht in der Fundación mit. Mit 26 Jahren stemmt sie die Erziehung ihrer fünf Kinder ohne Hilfe. Die beiden Mädchen, die in meine Kurse kommen, sind ebenso interessiert wie sie selbst. Sie stellen viele Fragen, machen eifrig im Unterricht mit und begrüßen mich jeden Tag herzlich. Ich habe es bisher noch nicht erlebt, dass sie keine Lust hatten, etwas Neues zu lernen. Sie fragen mich nie, ob wir statt zu lernen, Spiele spielen wollen. Zusätzlich helfen sie gerne. Man sollte meinen, dass ein Schicksal wie dieses eine schwere Bürde ist. Dass es einfach anstrengend ist, viele Kinder groß zu ziehen. Dass man sich manchmal allein gelassen fühlt. Vom Vater, vom Staat, vielleicht auch von Gott. Doch Valeria lässt sich das nicht anmerken. Sie ist hoch motiviert. Sie lässt sich von ihrem Schicksal nicht unterkriegen, sondern macht einfach weiter. Bisher habe ich noch nie gehört, dass sie sich wegen irgendwas beschwert hätte. Das ist, was mich an Kolumbien am meisten fasziniert. Menschen wie sie. Ich ertappe mich dabei, wie ich mich darüber beklage, dass ich nicht heiß duschen kann oder dass der Bus ständig zu spät kommt. Dann denke ich an Valeria. Ich lerne hier, meine Probleme aus einer ganz anderen Perspektive zu betrachten. Viele Dinge, vor allem meine Denkweise verändern sich durch die Arbeit grundlegend. Und durch Mädchen wie die beiden Töchter von Valeria. Die eine möchte Ärztin werden, die andere Sportlerin. Sie haben Ziele und den Willen, diese zu erreichen. Mit ihnen arbeiten zu können, macht mich sehr glücklich. Ich glaube, dass Mädchen wie die beiden später die Veränderungen bringen werden, die Kolumbien braucht. Wenn ich Valeria heute sehe denke ich nicht mehr, wie müde sie doch aussieht, sondern ich denke jetzt immer an das Zitat, dass ich einmal in Deutschland auf der Arbeit gelesen habe: „Das sind keine Augenringe. Das sind Schatten großer Taten!“

1+2 Inca Heinlein ist seit September 2016 als weltwärts-Freiwillige der Schule fürs Leben in Kolumbien. Ihr Einsatzplatz, die Fundación Centro Comunitario Yira Castro kümmert sich vor allem um alleinerziehende Mütter und ihre Kinder. Unter anderem können die Frauen in der Fundación gemeinsam kochen und das gekochte Essen anschließend günstig erwerben. Gleichzeitig haben sie die Möglichkeit, am angebotenen Kursprogramm teilzunehmen, das außer Englisch- und Computertraining auch ganz praktische Lebenshilfe vermittelt – Kinderziehung, Aufklärung, gesunde Ernährung und vieles mehr. Parallel bietet Yira Castro ein umfangreiches Betreuungsprogramm für die Kinder. Inca Heinlein gibt Englisch, Flöten- und Computerkurse, sowohl für die Kinder als auch für deren Mamas und unterstützt die Fundación außerdem bei deren kolumbienweiten Netzwerkprojekten.

*Name geändert

Artikelbild „Keine Augenringe“ von Inca Heinlein

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