von Mathis Brinkmann1

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„Puuh, Neun Euro fünfundfünzig! Ganz schön viel Geld“, denke ich mir und lege die eingeschweißte 300 Gramm-Hühnerbrust wieder zurück in die Kühltruhe des Biomarkts um die Ecke. Um die Ecke heißt in diesem Fall, 500 Meter vom Schule fürs Leben-Büro entfernt. 25 andere junge Erwachsene und ich bereiten sich dort in einem zehntägigen Seminar auf ihren einjährigen Freiwilligendienst in Kolumbien vor.
Jonas2 und ich stehen ratlos vor der Truhe und überlegen, welche günstigere Alternative wir als Beilage für unsere Wraps, das heutige Mittagessen für alle3, nehmen könnten. Fast zehn Euro für eine Hühnerbrust; das sind in Kolumbien ungefähr 33.000 Pesos… Im Seminar reden wir über Dankbarkeit und Wertschätzung und mir geht die Hühnchenbrust nicht aus dem Kopf. Ich sollte mich eigentlich darüber freuen, zwischen so vielen Hühnerbrüsten wählen zu dürfen. Denn das Bio-Huhn, wird mir langsam klar, steht für mehr. Es symbolisiert auf eine leicht komische Art und Weise das wohlhabende und wundervolle Land, in dem ich leben darf! Ein Land, in dem mir alle Türen offen stehen und in dem ich ohne Angst haben zu müssen, über die Straße gehen kann. Ein Land, in dem ich Hühnchen essen kann, die ein würdevolles Leben geführt haben.
„Ich sollte mir öfter vor Augen führen, dass ich unglaubliches Glück hatte, in Deutschland geboren worden zu sein,“ geht es mir durch den Kopf und ich nehme eine Packung Bio-Rinderhack aus der Kühltruhe: Fünf Euro Neunundsiebzig für 400 Gramm. Das dürfte im Budget sein und alle satt machen. Wir gehen zur Kasse, bezahlen das Hackfleisch und verlassen den Bio-Supermarkt.
Doch was bleibt von meinem Besuch an der Kühltruhe?
Ich sollte mir häufiger die Hühnerbrust vor Augen führen, denn ich bin dankbar für das Leben, das ich lebe.

1 Mathis Brinkmann wird im September 2016 für ein Jahr als weltwärts-Freiwilliger der Schule fürs Leben nach Kolumbien gehen.
2 Jonas Hartwig gehört wie Mathis Brinkmann zur neunten Generation weltwärts-Freiwilliger von Schule fürs Leben.
3 Beim zehntägigen Vorbereitungsseminar übernehmen die Freiwilligen selbst die Verpflegung der Gruppe. Für jeden Tag wird ein zwei- bis dreiköpfiges Koch-Team gewählt, das sich um die Organisation und Zubereitung des Mittagessens kümmert.
Artikelbild „Hühnerbrust“ von Mathis Brinkmann

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