von Antonia Cazzanelli1

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Ich starre aus dem Fenster. Dunkelheit, schiere Dunkelheit. Sonst nichts. Ab und an einige kleinere Ansammlungen trüber Lichtpunkte, sie sind es nicht, worauf ich so sehnsüchtig warte. Aber sie kommen in immer häufigeren Abständen, diese Lichtpunkte und Kreise, liegen immer näher beieinander, und schließlich – endlich – verdichten sie sich zu einem blinkenden, unüberschaubaren und über den Horizont hinaus reichenden Lichtermeer.
Cali.
Wir sinken, scheinen immer mehr in diesen Dschungel aus Straßenlampen, Leuchtreklamen, Scheinwerfern einzutauchen, ICH scheine immer mehr darin einzutauchen, komme nicht mehr hoch, kann meinen Blick einfach nicht lösen, bin vollkommen gefesselt. Ich kann nicht anders, als alles zu vergessen, was ich an Trostlosem, Beängstigendem, Traurigem in den Straßen dieser Stadt schon gesehen habe, und nur noch zu denken: Wie faszinierend schön sie von oben ist. Was für eine überwältigende Wirkung sie auf mich hat. Und wie viel sie mir schon bedeutet.

Ich befand mich in diesem Moment auf dem Rückflug von Santa Marta2, wo ich Weihnachten mit meiner Gastfamilie bei deren Verwandten verbracht hatte. Ich hatte dort völlig andere Festtage erlebt, als ich sie von zu Hause gewohnt bin. Und bei aller freudigen Erwartung auf das Neue und Unbekannte musste ich doch bald feststellen, wie sehr ich dieses Vertraute vermisste. Ganz besonders spürte ich das an Heiligabend und es machte mich unglücklich. Das lag nicht an meiner Gastfamilie, die mir sicherlich einfach nur schöne Weihnachten bereiten wollte. Ich bin ihnen sehr dankbar dafür, mir die Möglichkeit gegeben zu haben, Weihnachten auf diese Weise zu erleben und diesen (zugegebenermaßen wunderschönen) Teil Kolumbiens kennenzulernen. Ich persönlich glaube: Egal wo, wie und mit wem ich Weihnachten in Kolumbien gefeiert hätte – immer hätte ich diese gewisse Melancholie und die Sehnsucht nach meiner Familie und nach Weihnachten mit ihnen zusammen verspürt. Nicht, weil Weihnachten hier so schrecklich wäre, sondern einfach, weil es nicht dasselbe Weihnachten ist, mit dem ich aufgewachsen bin und das ich so lieb gewonnen habe.

Im Nachhinein betrachtet war an sich nichts Dramatisches an der Situation. Da war diese Hitze, wie ich sie noch nie erlebt hatte, ganz anders als die in Cali, absolut und alles beherrschend, die mir zusammen mit heftigstem Sonnenbrand ganz schön zu schaffen machte; das Viertel, in dem wir wohnten, welches mit seinen Hoteltürmen spanischen Mittelmeerbausünden Konkurrenz machte; jeden Tag Salz und vor allem Sand in allen Poren. Außerdem hatten wir dort kein Internet, sodass über Weihnachten der Kontakt zu meiner Familie abbrach, die mir sehr fehlte. Und dann wurde ich am letzten Tag auch noch krank, wohl ein Sonnenstich, jedenfalls fühlte ich mich wirklich elend und musste mich zu guter Letzt auch noch im Bus, der uns zum Flughafen brachte, sehr zum Leidwesen des Fahrers und sämtlicher Fahrgäste mehrmals übergeben.
Also im Grunde nur eine Verkettung unglücklicher Umstände, die alle zusammen dazu führten, dass ich heilfroh war, wieder nach Cali zurückkehren zu können.

Und dann, im Landeanflug, lag sie eben unter mir, die Stadt, und ich schaute und schaute und schaute… erkannte die Bergsilhouetten weit hinten – dort musste Montebello liegen, wo ich arbeite – und machte schließlich inmitten all des Flackerns und Leuchtens relativ nah eine größere dunkle Fläche aus. Das musste der Militärflughafen sein, an dessen südöstlichem Ende ich mit meiner Gastfamilie lebe. Dort, wusste ich, warteten Geborgenheit und mein eigenes gemütliches Bett auf mich. Mein Bett? Ja – mein Bett! Mein Bett, mein Haus, meine Straße, mein Viertel… und meine Stadt. So dachte und fühlte ich tatsächlich zum ersten Mal in diesem Moment, zum ersten Mal in drei Monaten Cali. Ich fühlte mich endlich ganz angekommen.
Zuhause in Cali. Was für ein schönes Gefühl.

1 Antonia Cazzanelli ist seit September 2015 als weltwärts-Freiwillige der Schule fürs Leben in Cali. Sie ist im Colegio de las Aguas in Montebello eingesetzt, dem ersten Projekt der Schule fürs Leben in Kolumbien
2 Santa Marta liegt an der Karibikküste Kolumbiens. Die Stadt ist nicht nur ein wichtiger Umschlaghafen, sondern auch ein Touristikzentrum mit einem ausgedehnten Hotelgebiet und Vergnügungsstätten.

Artikelbild „Heim nach Cali“ von Antonia Cazzanelli

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