von Karolina Seibold1

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Eine Geschichte, die ich schon lange erzählen wollte, ist „Nupcias“ von Antonia Skármeta2. Sie spielt in einem Zug. Einer dieser Züge, die es heute kaum noch gibt. Ein Vorstadtzug auf dem Weg in eine der großen Metropolen. Ein Zug, in dem man noch das Fenster öffnen, den Kopf herausstrecken und in der Kurve die Waggons zählen und die Lok sehen kann. Ein Zug mit Abteilen und ausziehbaren Sitzen. In einem solchen Abteil sitzt ein junger Mann. Er schaut aus dem Fenster. Zumindest tut er so. Ihm gegenüber sitzt eine junge Frau – sie ist sehr hübsch. Aber etwas ist seltsam. Ihr fehlt ein Schuh. Weiß der Himmel, wie das passiert ist. Vielleicht ist sie eingeschlafen und der Schuh ist ihr vom Fuß gerutscht und unter die Bank gefallen? Sie schaut natürlich nach – sie sucht überall. In ihrer Tasche, unter dem Sitz… Irgendwann blickt sie zu dem jungen Mann, der nach wie vor ungerührt aus dem Fenster schaut. Kann es sein, dass er…? Sie zögert. Aber dann packt sie all ihren Mut zusammen und spricht ihn an. „Hallo! Entschuldigung! Mein Schuh! Ich suche meinen Schuh! Haben Sie vielleicht…?“ Er reagiert nicht. Ob er sie nicht versteht? Oder ist er einfach nur arrogant?
Ich muss gestehen, dass ich bis heute nicht vollständig verstanden habe, wie viel von dem, was dann folgt, wirklich passiert, und was davon sich nur im Kopf des jungen Mannes abspielt. Und genau das macht für mich den Reiz dieses kurzen Kammerspiels aus. Es ist ein Miniatur-Drama um Sehnsucht und Begehren, vor allem aber um einen der elementarsten Schätze, die wir Menschen teilen – unsere Sprache. Der junge Mann, der in seiner eigenen Sprache ein Poet ist und genau weiß, mit welchen Worten er die junge Frau gewinnen könnte, spürt, dass er in ihrer Sprache, die er kaum beherrscht, zu einem plumpen Trottel mutiert und flüchtet sich in Arroganz und scheinbares Desinteresse. Aber in seinem Kopf tobt ein Sturm der Leidenschaft, den er nicht auszudrücken vermag, zumindest nicht in der Sprache des Mädchens, dessen Schönheit in mitnichten kalt lässt. Im Gegenteil. Er betrachtet sie heimlich im Spiegel des Abteilfensters und verliebt sich Hals über Kopf in sie…
„Du musst die Geschichte mit jemandem zusammen erzählen“.
Natürlich. Und als dann Kevin3 aus Kolumbien kam, wusste ich endlich auch, mit wem. Kevin Ruiz ist einer der weltwärts-revers-Freiwilligen, die im Zug des Süd-Nordaustausches ein Soziales Jahr bei Schule fürs Leben absolvieren. Von Anfang an sprach er Deutsch – gebrochen zwar – aber er sprach und er lernte und verbesserte sich jeden Tag ein wenig mehr. Ich merkte schnell, dass er meine Begeisterung für Literatur teilte und als ich ihm von der Geschichte erzählte und vorsichtig meinen Plan erläuterte, sie beim Frankfurter Erzählfest4 im Mai auf die Bühne zu bringen, war er sofort dabei. Ich sollte vielleicht dazu sagen, dass es nicht darum ging, den Text zu rezitieren, sondern gemeinsam, frei und mit eigenen Worten, zu erzählen. In zwei Sprachen.
Wir trafen uns ab Ende März regelmäßig einmal die Woche abends nach der Arbeit zur Probe. Wir improvisierten, wir spielten, wir unterhielten uns. Wir lachten viel. Vor allem natürlich über sprachliche Missverständnisse und Kevins Erfindungsreichtum beim Kreieren neuer deutscher Wortschöpfungen. „Weißt du was ich denke, von Menschen die Schuhe klauen? Diese Leute sind Klauten“. Nach und nach entwickelten wir eine Struktur, die zu funktionieren schien und zumindest ansatzweise die Komplexität der Geschichte abzubilden imstande war. Und dann kam unser Auftritt. Ich hatte Kevin vorgewarnt. „Es wird Stellen geben, an denen werden die Leute auf jeden Fall lachen.“ Und das taten sie. Sie lachten. Sie freuten sich. Sie waren begeistert. Selten hatte ich so viel Arbeit in das Vorbereiten einer Geschichte gesteckt. Aber ich habe keine Minute davon bereut. Ich war gerührt über das große Vertrauen, das mir dieser junge Mann aus Kolumbien entgegen brachte, der sich mit mir zusammen auf eine deutsche Bühne stellte und sich mit seinen 23 Jahren nicht scheute, die ganz großen Gefühle zu benennen, die das Leben für uns bereit hält. Und das in einer Sprache, die nicht seine ist. DANKE Kevin! Du warst wunderbar!

1 Karolina Seibold ist freie Geschichtenerzählerin. Bei Schule fürs Leben betreut sie das Projekt „Ich erzähl dir“ und leitet Seminare für die Freiwilligen. Zweimal jährlich organisiert sie in Frankfurt das Erzählfest „Goldmund am Main“.
2 Antonio Skármeta ist ein zeitgenössischer chilenischer Schriftsteller. Nach dem Militärputsch 1973 musste er sein Land verlassen und lebte bis 1989 im Exil in West Berlin. Sein bekanntester Roman „Ardiente Paciencia“ (dt. „Mit brennender Geduld“), ist eine Hommage an den großen, chilenischen Dichter Pablo Neruda und dessen Postboten.
3 Kevin Ruiz ist einer der weltwärts-revers-Freiwilligen, die im Zug des Süd-Nordaustausches ein Soziales Jahr bei Schule fürs Leben absolvieren. Seine Einsatzstelle ist die Akademie für Internationale Zusammenarbeit, AFIZ, in Frankfurt. Zu seinen Aufgaben dort gehört es, Umweltprojekte in Deutschland zu dokumentieren und auf ihre Übertragbarkeit nach Kolumbien zu untersuchen.
4 Das Frankfurter Erzählfest Goldmund am Main versammelt regelmäßig eine Auswahl an Erzählerinnen und Erzählern, die zu einem vorher festgelegten Thema Geschichten entwickeln und vor Publikum auf einer Frankfurter Bühne frei und mit eigenen Worten erzählen. Das Erzählfest am 21. Mai 2016 in der Interkulturellen Bühne stand unter dem Motto: „Feuer, Wasser, Erde, Luft und Liebe – elementare Geschichten, frei erzählt“

* Das Video zum Auftritt von Kevin & Karolina gibt es HIER

 

Artikelbild: „Hallo, mein Schuh“ von Ulla Schuch

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