von Anna Steyer1

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Gewitter kennt jeder. Manche Menschen mögen die Blitze, den Regen oder den Donner. Manche Menschen haben Angst bei Gewitter. Allerdings ist ein Gewitter in Deutschland kein Grund, aus dem Alltag auszusteigen. Deutsche gehen zur Arbeit, zur Schule, fahren Auto, gehen einkaufen – alles bei Gewitter.
Doch hier in Montebello, in Kolumbien, bedeuten Gewitter und Regen fast immer den absoluten Ausnahmezustand. Die Straßen verwandeln sich in null-komma-nichts in kleine Flüsse aus dreckiger Brühe. Nur wenige Menschen trauen sich an solchen Tagen überhaupt vor’s Haus. So auch an diesem Morgen. Die wenigen, denen ich begegne, haben Regenschirme oder Decken über dem Kopf. Ich stampfe in meinen blau-weiß gepunkteten Gummistiefeln und meiner pinkfarbenen Regenjacke durch das wie ausgestorben wirkende Montebello. Auf dem Weg zur Arbeit in der Fundación Hogar de la Luz. Pünktlich! Auch wenn Regen hier ein beliebter Grund ist, zu spät zu kommen, wie ich bald erfahren werde.
Es dauert geraume Zeit, bis ich endlich einen Bus finde, der Richtung Cali fährt. Mit gerade mal drei Personen besetzt geht es los. Selbst die wenigen geteerten Straßen ähneln heute eher breiten, braunen Bächen. „Aquaplaning hallo!“ Beim Gedanken an die abgenutzten Reifen und das viele Wasser auf der Straße wird mir etwas mulmig zumute. „¡Mi Rey por favor!“ rufe ich und bin dankbar als meine Busfahrt im Starkregen endlich zu Ende ist.
Meine nächste Herausforderung: elegant über die Treppe zu balancieren, die heute einem Wasserfall gleicht, hinunter in das Tal um über die kleine Brücke zu klettern und auf der anderen Seite wieder heil hoch. Ich schaffe es tatsächlich ohne groß nass zu werden. Nun stehe ich vor dem großen blauen Tor der Fundación Hogar de la Luz. Doch es ist verschlossen und die Klingel – vermutlich auch wegen des Regens – kaputt. So stehe ich da, in meinem wetterfesten Outfit und warte. Und warte… „Irgendwann muss hier doch mal jemand auftauchen.“
Nach einer viertel Stunde öffnet sich das Tor tatsächlich. Ich hatte mehrfach versucht, mich durch Klopfen und Rufen bemerkbar zu machen und es hatte funktioniert! Doch das Erstaunen über meine Anwesenheit ist groß. Warum ich denn hier sei, wenn es so stark regnete? Unter Bedauern teilt man mir mit, dass heute keine Nähkurse stattfinden, denn es fehle der Strom – wie immer wenn es stark regnet. Scheinbar war das allen bekannt, weswegen auch alle zu Hause geblieben waren. Nur ich nicht. So kam es mir zumindest vor. Schlussendlich verharrte ich dann ein paar Stunden in meiner Einsatzstelle, versuchte etwas Sinnvolles zu tun, was sich ohne Strom aber wirklich schwierig gestaltete. Dann war dieser verregnete Arbeitstag für mich zu Ende. Und auch wenn die Sonne bereits wieder schien, fragte ich mich: Kenne ich Gewitter und Regen wirklich auch in diesem Land?

1 Anna Steyer ist seit September 2016 als weltwärts-Freiwillige der Schule fürs Leben in Kolumbien. Die gelernte Schneiderin ist in den Ausbildungswerkstätten Talleres de las Aguas sowie im Colegio de las Aguas in Montebello eingesetzt, wo sie Deutschkurse gibt und einen Taller de Costura, eine Näh-AG, anbietet. In den ersten Monaten ihres Aufenthaltes unterstützte sie zusätzlich Nähkurse in der Fundación Hogar de la Luz.

Artikelbild „Gewitter über Montebello“ von Anna Steyer

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