von Kristina Stadtmüller1

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Ich sitze im Bus auf dem Weg zur Haltestelle San Bosco und hänge meinen Gedanken nach. Ich lasse meinen Arbeitstag Revue passieren und bin tatsächlich noch gedanklich in meiner Einsatzstelle, dem Colegio Mayor in Yumbo, als mich die Ansage, „Nächste Haltestelle: San Bosco“, aufschrecken lässt. Schnell steige ich aus und entdecke fast sofort zwei Mitfreiwillige. Sie sind aus dem gleichen Grund hier wie ich. Wir wollen gemeinsam die Samaritanos de la Calle unterstützen. Diese Organisation und unzählige Helfer verteilen jeden Dienstag an vielen verschiedenen Stellen in den Armutsvierteln von Cali, Brot und eine Art warmen Kaba an die Menschen, die obdachlos sind. Sophia2, eine andere Mitfreiwillige arbeitet bei dieser Organisation und hat angeboten, uns heute Abend mitzunehmen. In der blauen Mitarbeiter-Weste erwartet sie uns schon. Gemeinsam laufen wir los zu ihrer Einsatzstelle. Ich bin gespannt, was mich erwarten wird und obwohl ich mir vorher keine Vorstellungen gemacht hatte, bin ich überwältigt. Die große Anlage verfügt über viele mit Betten ausgestattete Zimmer, Waschräume, eine Küche, einen Raum mit Fernseher und einen großen Innenhof. Auch gibt es hier psychologische Betreuung. Doch das ist es nicht, was mich sprachlos macht. Es sind die zahlreichen Menschen jeden Alters, die hier eine Art Zuhause haben, weil sie sonst auf der Straße leben würden. Alle, die hier wohnen, haben den Sprung, weg von den Drogen zu kommen, geschafft. Freudestrahlend begrüßen sie uns und empfangen uns ganz herzlich, obwohl sie uns das erste Mal hier sehen. Ein circa 85-jähriger Mann schüttelt uns die Hände und versucht, nachdem er erfährt, dass wir aus Deutschland kommen, mit uns Englisch zu reden. Ein anderer fragt höflich nach, wie uns Kolumbien gefällt, ob die Umstellung mit der Sprache nicht schwer für uns ist? Und der Rest? Ja, der Rest freut sich einfach riesig, uns zu sehen. Die Stimmung ist ganz besonders und in diesem Moment merke ich, wie wohl, wie aufgenommen und wie angekommen ich mich fühle. Kurz darauf fahren wir in die Kirche. Jedes Mal vor der Essensausgabe findet eine Messe mit den Helfern und Bewohnern des Hogar de Paso – so heißt die Übernachtungsstätte – und mit jedem, der sonst noch kommen will, statt. Als das erste Lied angespielt wird, steht einer der Obdachlosen auf und fängt fröhlich an mit zu klatschen. Dies tut er mit so einer Begeisterung, dass im Nu die ganze Kirche aufsteht und mitklatscht, alle zusammen, denn in diesem Moment gibt es keine Unterschiede; es ist eine große Gemeinschaft.
Ich merke, wie ich eine Gänsehaut bekomme.
Ich merke, wie mich ein Glücksgefühl durchströmt.
Ich merke, dass ich dazu gehöre.
Ich bin zwar weiß, Deutsche und das erste Mal dabei, aber ich gehöre genauso dazu wie jeder andere. Vor der Kirche können die Helfer für umgerechnet ungefähr zwei Euro einen großen Beutel Brötchen zum Verteilen kaufen. Und dann sitzen wir vier Deutsche auch schon bei einem Mitarbeiter im Auto und fahren in das Viertel Sucre. Kaum sind wir ausgestiegen, laufen auch schon unzählige Menschen auf uns zu und stellen sich in Reihen auf. Einen kurzen Moment stehe ich noch verunsichert da und weiß nicht was ich tun soll, aber im nächsten halte ich schon eine große Kanne mit Agua de Panela3 in der Hand und fülle die Becher und Flaschen auf, die mir die Menschen hinhalten. Von vielen höre ich ein freundliches „Buenas noches“ oder „Muchas Gracias“ aber ich sehe auch, wie verzweifelte Mütter so viel Brot wie möglich ergattern wollen, um ihre Kinder satt zu bekommen. Doch ich habe gar keine Zeit darüber nachzudenken. Kaum ist ein Becher voll, werden mir schon unzählige weitere vor die Kanne gehalten. Und auf einmal ist niemand mehr da. Alle Flaschen sind gefüllt und in allen Taschen stecken nun ein paar Brötchen. Ich bin einerseits froh, dass ich mithelfen durfte, aber andererseits auch schockiert über die große Anzahl von Menschen, die kein Dach über dem Kopf haben und in den gefährlichsten Vierteln Calis auf der Straße nächtigen müssen. Auf dem Heimweg hänge ich wieder meinen Gedanken nach. Sie drehen sich alle um diese Menschen, die heute zwar mit gefülltem Bauch schlafen gehen können, aber nicht so viel Glück haben wie ich und nicht in einem weichen Bett, sondern auf einem harten Betonboden übernachten müssen.

1 Kristina Stadtmüller ist seit September 2016 als weltwärts-Freiwillige der Schule fürs Leben in Kolumbien. Ihre Einsatzstelle, die Schule Colegio Mayor in Yumbo liegt circa 20 km nördlich von Cali.
2 Sophia Behl ist wie Kristina Stadtmüller seit September 2016 in Kolumbien. Ihre Einsatzstelle, die Samaritanos de la Calle (dt. Samariter der Straße), kümmert sich auch um obdachlose Kinder und Jugendliche.
3 Agua de Panela – Panela wird durch das Verkochen von Zuckerrohrsaft gewonnen.Die dabei entstehende zähe Melasse wird in quaderförmige Formen gegossen und getrocknet. Panela besteht aus Fructose und Saccarose und enthält Calcium, Eisen, Phosphor und Ascorbinsäure. In Wasser aufgekocht wird daraus das beliebte kolumbianische Getränk Aguapanela, das heiß oder kalt serviert wird und auch als Basis für süße Kaffee- oder Kakaospezialitäten dient.

Artikelbild „Gänsehautmomente“ (Archiv Samaritanos de la Calle)

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