Von Silvia Bartel1

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Wir schreiben den 1. Juli 2015. Auf der Couch im Wartebereich hört man ein Surren, wie das des Bohrers beim Zahnarzt.
Ich weiß, dass mir elendige Schmerzen bevorstehen und doch weiß ich nicht, wie die Schmerzen sich anfühlen werden.
Silvi, ohne dich hätte ich in meinem Leben nie einen Fuß in ein Tattoostudio gesetzt“, sagt meine Mutter und bleibt die vier Stunden – Pausen eingerechnet – bei mir, während sich nach und nach der Hase von Alice im Wunderland in Farbe auf meinen linken Rippenbogen zeichnet.
Die Märchenvernarrtheit habe ich von ihr und Alice im Wunderland ist mein absolutes Lieblings-Kinderbuch, mit all seinen Weisheiten in und zwischen den Zeilen.
Mit dringendem Blick sieht der Hase Alice an und klopft mit einer Kralle seiner Pfote auf das Glas seiner Taschenuhr, doch ist er für mich viel eher ein Wegbegleiter als ein Zeitwächter.
Zeit ist relativ und spielt in meiner Lebensphilosophie keine Rolle. Ich lebe im Hier und Jetzt – was nicht heißt, dass ich unpünktlich bin – deshalb hält mein Hase einen Kompass in der Pfote.
Mein Leben lang war ich nie allein – auch wenn ich mich mal so fühle – es gab immer jemanden, der mit mir die Krisen durchgestanden hat und etwas das meinen Weg gelenkt hat, sei es Karma, Schicksal, Gott oder Energie, wie immer man es nennen möchte.
Ich gehe meinen Weg und ich gehe ihn nicht allein.
Das Tattoo, mein erstes Tattoo, war eine Gemeinschaftsidee von meiner 22Jährigen Schwester und mir. Seit drei Jahren wussten wir, dass wir das machen wollen und um so wichtiger war es mir, es vor Kolumbien zu tun.
Unsere Schwesternliebe und auch die Liebe unserer Eltern geht bis unter unsere Haut.
In der Traumanalyse steht der Hase sowohl für Gut als auch für Böse. Er kann dich mahnen, dir aber auch Hoffnung schenken; er umfasst das ganze Leben. Er begleitet mich mein Leben lang und ich verbinde so viel mit ihm.
Zum Abschluss des Gymnasiums haben meine Eltern, die eigentlich komplett gegen Tattoos sind, mir das Symbol auf meiner Haut geschenkt. Einen größeren Liebesbeweis gibt es für mich nicht. Sie tolerieren meine Entscheidung, obwohl sie sich selbst nie unter die Nadel legen würden. Sie stehen voll und ganz hinter mir und gaben mir ihre Unterschrift für mein erstes Tattoo – mit 17.
Mein Abschluss von einem langen, langen Lebensabschnitt, der Beginn eines neuen.
Weltwärts nach Cali mit der Schule fürs Leben. Hierher hat mich mein Hase geführt und das ist was ich machen will und er wird mich auch nach Kolumbien begleiten. Keiner kann ihn mir nehmen und er wird immer bei mir sein um mir Stärke und Mut aber auch Mahnung und Tadel zu geben.
So ein Tattoo ist nicht mal eben aufgezaubert. Es ist hart und schmerzhaft, aber schon in der ersten Pause, als gerade mal die blaue Jacke des Hasen fertig ist, überwiegt der Wille und das Honigkuchenpferdgrinsen auf meinem Gesicht, das sich auch jetzt wieder auf meine Lippen schleicht, wo ich daran zurück denke und an das wunderschönes Resultat, das entstanden ist.
Auch Kolumbien wird nicht leicht. Es wird ein intensives Jahr, doch ich bin mir sicher, am Ende werde ich zurück blicken können und lächeln, weil es sich gelohnt haben wird.
Follow the white rabbit! Ich gehe meinen Weg und ich gehe ihn nicht allein.

1 Silvia Bartel wird Anfang Oktober 2015 als weltwärts-Freiwillige der Schule fürs Leben für ein Jahr nach Kolumbien gehen. Sie ist die jüngste der neuen Freiwilligengeneration, weswegen sie ihre Reise auch eine Woche später als der Rest der Gruppe antreten wird. Denn erst dann ist sie 18 und erfüllt damit eine Grundvoraussetzung für das Auslandsjahr: Volljährigkeit.

Artikelbild: „Follow the white rabbit!“ von Silvia Bartel

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