von Frauke Mann1

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Zwei Monate bin ich nun schon hier, oder vielmehr erst, und trotzdem kommt es mir schon wie zu Hause vor.
Fast täglich werde ich gefragt, wie ich mich hier in Kolumbien fühle, und es freut mich, jedes Mal mit einem Lächeln sagen zu können: „Amañada!“2 .
Denn auch wenn alles ganz anders kam, als ich es mir vorher ausgemalt hatte: es vergeht kein Tag, an dem ich nicht dazulerne, an dem ich mich nicht weiterentwickle.
Und jeden Tag sind es die kleinen Dinge, die meinen Tag machen. Die mich merken lassen, dass ich hier angekommen, dass ich hier richtig bin.
Sei es, wenn ich Zeit finde, der kleinen Nicole ein „cuento“ vorzulesen, eine Geschichte – oder auch gleich fünf, denn wenn es dazu kommt, lässt Nicole mich nur selten wieder gehen – sei es, wenn der Jeepfahrer auf der Heimfahrt den Umweg durch den stockenden Feierabendverkehr der Quinta3 macht, um mich wenige hundert Meter vor meiner Haustür absetzen zu können.
Oder wenn schon bei meiner zweiten Englischstunde die Hälfte der Schüler eine halbe Stunde vor Kursbeginn vor dem Klassenraum steht; und sich, wenige Stunden, nachdem ich die Aushänge für meine Deutschkurse aufgehängt habe, schon vier Leute in die Liste eingetragen haben.
Wenn die Jugendlichen der Bibliothek mich mit einem „Hola Wendy!“ begrüßen, weil ich angeblich aussehe wie die gleichnamige Comicfigur Wendy aus „Gravity Falls“4 . Allerdings habe ich den Verdacht, es könnte daran liegen, dass sie ganz einfach Probleme mit der Aussprache meines Vornamens haben. Oder wenn einige Kinder mittlerweile ohne Anstalten zu mir in die „sala infantil“5 kommen, um eine halbe Stunde zu lesen, bevor sie die Computer der Bibliothek benutzen dürfen.
Und vor allem ist es eins: nach der Arbeit heimzukommen und mich wirklich zu Hause zu fühlen. Ein scherzhaftes „¡Buen provecho!“6 von meiner Gastmutter zu hören, das sich mittlerweile zwischen uns beiden als Insider eingebürgert hat, denn anscheinend ist es sehr deutsch, immer einen guten Appetit zu wünschen.
Das und noch viel mehr ist es, was mich jeden Tag spüren lässt: ich bin hier angekommen, ich bin richtig hier.
1 Frauke Mann ist seit September 2016 als weltwärts-Freiwillige der Schule fürs Leben in Kolumbien. Ihre Einsatzstelle ist die Biblioteca Rumenigue Perea Padilla in Montebello.
2 Amañado/a: wird in Kolumbien oft gebraucht, um zu fragen, ob sich jemand schon akklimatisiert hat, sich also gut eingelebt hat.
3 Quinta: die sechsspurige Calle 5, die sich durch das ganze westliche Cali zieht.
4 „Gravity Falls“: US-amerikanische Zeichentrickserie, die von 2012 bis 2016 produziert wurde.
5 Sala infantil: ein speziell für die Kinder eingerichteter Raum zum Lesen und Spielen.
6 ¡Buen provecho! = Guten Appetit!

Artikelbild „¿Estás amañada acá?“ von Frauke Mann

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