von Lukas Klasen1

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Weihnachten rückt näher wie jedes Jahr. Allerdings beginnen in Kolumbien die Vorbereitungen auf das Fest noch früher als anderswo. Die Schaufenster sind geschmückt und überall wird Weihnachtsschmuck verkauft, der, zumindest für meinen Geschmack, unglaublich kitschig ist. Doch der schöne Schein überdeckt einen Aspekt, der so gar nichts Weihnachtliches hat: In Kolumbien endet nicht nur das Jahr, sondern auch die meist zeitlich befristeten Arbeitsverträge vieler Kolumbianer. Und wer es da nicht geschafft hat, etwas anzusparen, sieht sich plötzlich mit den größten Problemen und nicht der schönsten Zeit des Jahres konfrontiert. Nicht umsonst warnt Andrés2 uns Freiwillige regelmäßig vor November und Dezember als den gefährlichsten Monaten des Jahres. Leute ohne Geld sind hungrig, verzweifelt und damit eher bereit, sich zu nehmen was sie brauchen. „Jetzt konzentrier‘ dich doch mal!“ unterbricht mich meine innere Stimme der Vernunft, „Augen auf die Straße!“ Und so laufe ich weiter alleine den Weg entlang und versuche auf alles zu achten, während sowieso und von allen auf mich geachtet wird. Blond, groß, nicht kolumbianisch – ich falle auf. Ich schwitze in meiner Arbeitshose und meinen Wanderschuhen, die heute außer dem Schlamm des Botanischen Garten3 noch eine wertvollere Fracht transportieren. Ich ignoriere den Straßenverkäufer der mich mit „¡Mono! ¡Venga!“4 anlocken will. Worauf muss ich achten? Die Mutter mit ihrem Kind? Die beiden Jugendlichen? Die Motorräder, die vorbei rasen? Der Obdachlose der am Rand der Straße liegt? Der alte Mann, der im Hauseingang steht? Die hupenden Autos? Rumms! Vor lauter Achtsamkeit hab‘ ich nicht mehr auf die oft ganz schön tiefen Löcher in den hier nicht immer intakten Bürgersteigen geachtet und bin gestolpert. Ich nehme mir vor, besser aufzupassen, doch schon nach wenigen Meter schweifen meine Gedanken wieder ab. Ist es jetzt besser, die Leute, die einen anstarren, auch anzugucken oder provoziere ich dadurch nur? Und zielstrebig gehen, ja, aber überhetzt ist ja auch wieder auffällig, oder? Ich laufe eh schon doppelt so schnell wie die Kolumbianer…
Mittlerweile bin ich fast zu Hause. Nur noch schnell über die Straße uuuund… Geschafft!! Puuh! Erstmal in mein Zimmer, Schuhe ausziehen. Ich nehme die Sohle heraus und die 400.000 Pesos, die ich dort versteckt hatte, zusammen mit meiner Kreditkarte. 400.000 Pesos – das sind umgerechnet ungefähr 120 Euro und für viele Kolumbianer eine Menge Geld. Gerechnet am offiziellen Mindestlohn von 30.000 Pesos pro Tag ein halber Monatslohn. Wobei dieser Mindestlohn für viele Menschen ja gar nicht greift – die fliegenden Händler auf den Straßen und in den Bussen und die ungezählten Schwarzarbeiter verdienen sicher noch weniger. Aber auch in vielen anderen Jobs gibt es keine Garantie, dass das Geld am Monatsende wirklich kommt. So wurden fast alle Lehrer in Cali dieses Jahr über mehrere Monate überhaupt nicht bezahlt. Auch in meiner Einsatzstelle im Botanischen Garten kam es schon zu Verzögerungen und Problemen mit den Gehältern. Die Gründe dafür sind von außen schwer nachzuvollziehen; oft liegt es an einer ganzen Kette von Ereignissen.
Umso glücklicher bin ich, dass ich meine wertvolle Fracht sicher nach Hause bringen konnte und meiner Gastfamilie pünktlich das Monatsgeld für meine Unterkunft und Verpflegung übergeben kann. Geld, das Schule fürs Leben jeden Monat auf mein Konto überweist – zuverlässig. Geld, das vom deutschen Staat kommt, der zu 75% die Kosten für meinen Freiwilligendienst trägt. Geld von meinem Spenderkreis, der die restlichen 25% übernommen hat.
Danke, dass ich dieses Happy End direkt weiter geben kann und so noch ein paar mehr Menschen in Kolumbien die Weihnachtszeit genießen können.
Frohes Fest! Euer Lukas!

1+3 Lukas Klasen ist seit September 2016 als weltwärts-Freiwilliger der Schule fürs Leben in Kolumbien. Sein Einsatzplatz ist der Botanische Garten in Cali. Hier hilft er bei den Pflanzungen und beim Anlegen von Wegen und Lehrpfaden. Außerdem arbeitet er an einem Verzeichnisse für eine Baumaufzuchtstation und wird ab dem neuen Jahr auch umweltpädagogische Führungen für Schulklassen und andere Gruppen geben.
2 Andrés Bäppler, Gründer der Schule fürs Leben und unser Projektleiter in Kolumbien. Bei den Vorbereitungsseminaren für die Freiwilligen übernimmt er stets das Thema „Sicherheit und Gefahren“
4 „¡Mono! ¡Venga!“ – „Komm doch mal her, du Hübscher!“

Artikelbild „Eine Weihnachtsgeschichte“ von Marisol Lucht

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