von Merle Lütje1

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„Und die Musik? Mögt ihr Salsa?“ höre ich einen Jeep2-Mitfahrer erwartungsvoll fragen. Kurz gucke ich Sandra3 über die Schulter hinweg an und bin ganz froh, dass sie das Antworten übernimmt. „Síí, claro“, höre ich sie sehr überzeugend sagen. Die einzig richtige Antwort, wie ich nach ein paar Fehlversuchen und ausgiebigen Diskussionen über die europäische Unfähigkeit, richtig die Hüften zu schwingen, inzwischen weiß. Ich bin irgendwie unkonzentriert und höre nicht wirklich zu, aber es ist auch nicht weiter schwer, sich das Gespräch aus den paar Wortfetzen, die durch den Motorenlärm zu mir durchdringen, zusammen zu reimen. Immerhin habe ich mittlerweile sieben Monate Jeep-Erfahrung und unzählige solcher Gespräche geführt. „Und das Essen?“ – „Ja, sancocho4 ist toll“ „Und in Deutschland sagen alle, es sei hier gefährlich und alles voller Drogen, aber ist doch Quatsch, oder?“ – „Ja genau, naja, kommt ja auch ein bisschen drauf an..“ „Und was magst du an Kolumbien am meisten?“
Meistens freue ich mich ja über das Interesse und die Redseligkeit der Kolumbianer, aber heute nerven mich die ständige Wiederholung und die immer gleichen Lobeshymnen auf das eigene Land einfach nur. Ich bin angestrengt und müde. Gleichzeitig habe ich das Gefühl heute nicht wirklich etwas getan zu haben… Ich gucke aus dem offenen Jeep auf die nass glänzende Straße und drifte ein bisschen mit den Gedanken ab. Ich muss an den Tag im Colegio5 denken – wie ich zusammen mit Theresia, Antonia und Silvi3 stundenlang Bücher sortiert und rumgeräumt, Spiele aus haufenweise Krimskrams gefischt und Regale entstaubt und eingeräumt habe. Eine Bibliothek soll es also geben. Als ob sich heute, in Zeiten von Computer und Smartphone, noch irgendein Kind für Bücher interessieren würde, denke ich missmutig. Nicht zum ersten Mal frage ich mich, was das hier eigentlich alles bringen soll. Und zu allem Überfluss kamen dann auch noch Fernán6 und Simona7 mit dem Vorschlag, doch mit Deutschunterricht für die ganz Kleinen anzufangen. Oh Mann, was für ein unglaublicher Unsinn, wo es doch nun wirklich größere Probleme gibt. Irgendwie habe ich mir das hier alles anders vorgestellt.
„Und, hast du einen Freu…“ höre ich unseren Jeep-Mitfahrer zu einer der Standardfragen ansetzen, die in solchen Gesprächen immer irgendwann kommen, als ich ihn glücklicherweise mit einem lauten „¡Por aquí, porfa!“, „Hier anhalten, bitte!“ unterbrechen kann. Mit dem falschen Fuß springe ich aus dem Jeep auf die Straße ins heiße, stickige, laute Zentrum Calis.
Ein paar Wochen später, die zähen Weihnachtsferien sind seit einiger Zeit vorbei und das Colegio hat sich wieder mit Leben gefüllt, laufe ich durch die schon jetzt angenehm warme Morgensonne in die Schule. Als ich durch das Tor trete, werde ich von einigen Kindern mit lauten „Hallo“-Rufen begrüßt, eine Schülerin hält sich die Hand vor den Mund – „Haatschüss“ sagt sie und grinst mich breit an. „Haha, ja genau“, antworte ich lachend. Irgendwie ist es ja doch schön. Als später, nach unserem Deutschunterricht die Pause anfängt, sitzen schon die ersten Kinder vor der Bibliothek und warten auf Einlass. Schnell noch das letzte Stückchen Arepa und die letzten Chips-Krümel in den Mund gestopft – das Essen ist kostbar – dann stürmen sie voll freudiger Erwartung die Bibliothek. „Können wir wieder das Spiel von deiner Mama spielen?“ ruft der kleine Deiby mir schon beim Reinkommen entgegen, „aber diesmal ohne Schummeln“, „Profe, ich hab das Buch heute mitgebracht“, kommt es stolz von der anderen Seite. „Wer spielt mit Halli-Galli?“
Während ich dabei bin, zurückgebrachte Bücher abzuhaken und neue préstamos, Ausleihen, in unsere provisorische Liste einzutragen, füllt sich die kleine Bibliothek, bis nach und nach der ganze Raum voller spielender Kinder ist. In der Ecke stehen unbeachtet ein paar Computer herum. Sie funktionieren aus irgendeinem Grund alle drei nicht, aber das ist eigentlich auch egal, denn das Leben spielt sich in der Mitte des Raumes ab, wo inzwischen ein geschäftiges Treiben aus Puzzeln, Duplo-Häuser-Bauen, Brettspiele-Spielen und Bücher-Angucken herrscht. Zufrieden muss ich innerlich zugeben, dass ich mit meinen Befürchtungen wohl doch nicht ganz Recht hatte.

Und das habe ich in den letzten Monaten hier vor allem gelernt! Manchmal ist es einfach am Besten, seinen Missmut zu vergessen, zu tun, was eben geht und sich auf die positiven Dinge zu konzentrieren. Heute gelingt es mir und für einen kurzen Moment bin ich ganz überwältigt, dass ich wirklich hier bin, dass ich einfach so ganz selbstverständlich die „profe“ bin, die Lehrerin, und Dinge in dieser Sprache erklären kann, die mir vor einem halben Jahr noch so fremd war. Und dass das alles hier am Anfang eigentlich nur ein Haufen Bücher war.
Und dann geht der Alltag auch wieder weiter, die Pause ist zu Ende, Spiele müssen eingepackt, Bücher einsortiert und Puzzle zurück geräumt werden… Naja, es gibt eben immer Dinge, an denen man noch arbeiten kann. Aber sonst wäre es ja auch langweilig.
Als ich an diesem Nachmittag in den Jeep steige und mich dort die üblichen Fragen erwarten, bin ich entspannt. „Und, wie gefällt dir Cali? Toll, oder?“ – „Ja, wirklich“, antworte ich. Und das stimmt ja auch.

1 Merle Lütje ist seit September 2015 als weltwärts-Freiwillige der Schule fürs Leben in Kolumbien.
2 Jeeps gehören in Cali zu den öffentlichen Verkehrsmitteln der Wahl. Sie fahren bis in die abgelegenen Außenbezirke der Stadt und sind verhältnismäßig preisgünstig. Man hält sie per Handzeichen an. Die Fahrt ist für europäische Verhältnisse in der Regel äußerst abenteuerlich, da Fahrzeuge wie Straßen oft in sehr schlechtem Zustand sind.
3 Sandra Grom, Theresia Ketterer, Antonia Cazzanelli und Silvia Bartel gehören wie Merle Lütje zur achten Generation weltwärts-Freiwilliger, die Schule fürs Leben jedes Jahr nach Kolumbien schickt.
4 sancocho – beliebter und typisch kolumbianischer Eintopf mit Huhn und Gemüse
5 Gemeint ist das Colegio de las Aguas in Montebello bei Cali
6 Fernán Castaño – akademischer Koordinator im Colegio de las Aguas
7 Simona Mosquera – langjährige Direktorin des Colegio de las Aguas

Artikelbild: „Ein Haufen Bücher“ von Merle Lütje

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