von Jessica Marcela Rivera Murillo1

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Santiago de Cali, 31. August 2015

Lieber Noel2,

Es ist mir sehr schwer gefallen, diesen Brief zu schreiben, da wir uns tatsächlich erst seit kurzem kennen. Aber ich habe mich entschieden es zu tun, da du schon bald in deine Heimat zurückkehrst.

Ich möchte mich mit diesem Brief weniger verabschieden, als dir vielmehr danken. Das überrascht dich vielleicht, da wir nur wenige Worte gewechselt haben. Dennoch halte ich diesen Brief für notwendig und mein Dank resultiert aus meiner Beobachtung deines Freiwilligendienstes, den du hier in meinem Land geleistet hast.

Meine Familie ist eine der vielen kolumbianischen Familien, die durch die Gewalt bestimmt werden, der wir Tag für Tag ausgesetzt sind. Nicht unbedingt aufgrund des Konfliktes, den wir mit der Guerilla und den Paramilitärs haben, sondern durch den privaten Drogenhandel der in den Barrios unserer Stadt herrscht. Wo sich die Jugendlichen um einen Teil ihres Sektors streiten und unsichtbare Grenzen ziehen und man dich tötet, wenn du diese Grenzen überschreitest.

Ich hatte das Glück, in einem Zuhause mit guten Gewohnheiten und sehr viel Liebe aufzuwachsen, mit einem Vater und einer Mutter, die beide arbeitsam sind und voller positiver Energie. Ich lebe an einem Ort, den man „Das neue Cali“ nennt, da es so weit weg von allem liegt. Es befindet sich in der Nähe von Aguablanca3 – ich glaube ich muss dir nichts über diesen Distrikt erzählen; du kennst ihn durch deine Arbeit dort.

Ich bin jetzt 24 Jahre alt und mein Blick auf das, was in meiner Stadt und in meinem Land passiert, ist nicht mehr derselbe seit letztem Jahr, als mein Leben und das meiner Familie auseinander brach.

Ein Mann tötete meinen kleinen Bruder. Er war 18 Jahre alt und studierte an der Universität Gesundheitswesen. Wie alle guten „Caleños“ liebte er Salsa, er war professioneller Tänzer und Mitglied der Tanzgruppe seiner Hochschule. Ihn faszinierten die Rechte der Gemeinschaft und er hatte eine unglaublich starke Empathie für den Schmerz seiner Mitmenschen. Er regte sich sehr über die Ungerechtigkeit auf, mit der wir uns tagtäglich konfrontiert sehen und seltsamerweise trug er immer dieses kleine Büchlein mit sich, das man uns in der Schule beigebracht hatte: „Die politische Konstitution Kolumbiens.“

Du merkst sicher, wie sehr ich ihn geliebt habe. Mit seinen 18 Jahren hatte er schon mehr Glaube und Charakter als ich damals mit 23.

Sie haben ihn getötet, weil er dasselbe T-Shirt trug wie ein anderer Jugendlicher, der in der Straße illegal Drogen verkaufte, dort, wo mein Bruder saß. Wegen eines T-Shirts, weil er am falschen Ort war oder besser gesagt, wegen der Ignoranz und der fehlenden Bildung, die wir hier in Kolumbien haben. Der Schmerz meiner Familie ist unbeschreiblich. Denn es ist nicht eigentlich der Tod, der schmerzt – es ist die Abwesenheit und es sind die unvollendeten Kapitel, die die Menschen hinterlassen die wir lieben, wenn man sie uns ohne Ankündigung raubt.

Ich hatte die Möglichkeit, den Menschen, der meinen Bruder getötet hat von Angesicht zu Angesicht zu sehen. Er wurde gefangen genommen und zu 25 Jahren Haft verurteilt, aber nicht, weil er meinen Bruder ermordet hat, sondern weil er, sieben Tage nachdem er meinen Bruder getötet hatte, einen Jugendlichen umbrachte, der gerade seinen freien Tag beim Militär hatte. Ein Polizeihelfer, 19 Jahre alt – es machte mich unsagbar traurig, als ich erfuhr, dass eine andere Familie Opfer desselben Verbrechens geworden war, am selben Ort, durch die selben Motive. Doch als ich den Menschen sah, empfand ich überraschenderweise nichts. Weder Hass noch Wut, nicht das kleinste Gefühl von Zorn, denn in jenem Moment fing ich an nachzudenken und fragte mich: Wie kann ich jemanden verurteilen, der vielleicht nicht die gleichen Möglichkeiten hatte wie ich?

Ich bin an einem von Liebe geprägten Ort geboren. Durch die Anstrengung meiner Eltern erhielt ich Bildung. Er – im selben Alter – war bereits ein Mörder während ich mein Studium der Philosophie an einer Universität absolvierte.

Ich entschuldige nicht, was er getan hat. Aber in meinem Land nährt die Ignoranz die Korruption und vergiftet unsere Jugend, weil die Bildung fehlt.

Du wirst schon viele dieser Geschichten gehört haben, Noel, dennoch wollte ich sie dir erzählen denn, nach dem was geschehen war, verlor ich zu einem bestimmten Zeitpunkt die Liebe zu meiner Nation und meiner Kultur. Doch die Zeit ließ jene Berufung wachsen, der ich jetzt nachgehe. Lehrerin zu sein, ist hier einer der am schlechtesten bezahlten Jobs und viele Menschen, wenn du ihnen sagst, dass du Lehrerin bist, fragen dich: „Warum hast du das studiert, wo es dich doch nicht reich macht?“ Aber ich liebe meinen Beruf. Denn mehr als meine Taschen vollzustopfen, hat er mir erlaubt, mit jedem meiner Schüler neue Welten zu entdecken und das bedeutet mir viel mehr.

Meine Absicht ist, dass die Kinder lernen, dass wir 75% des besten Kaffees in die ganze Welt exportieren, dass wir nicht nur Drogen sind, hübsche Frauen, Konflikte… wir sind mehr als das.

Mein Wunsch ist, dass wir das was wir Demokratie nennen, ernst nehmen und, dass wir an ein besseres Leben glauben. Ich habe verstanden, dass man die Geschichte gut erzählen muss damit sie sich nicht wiederholt: Der Krieg beendet keine Konflikte, er lässt sie erwachen und das trennt uns von unserer eigentlichen Forderung an das Leben: Glücklich zu sein.

Dich bei der Arbeit zu beobachten und die Liebe zu sehen, mit der du deine Arbeit verrichtest, machte mich nicht nur stolz, sondern ließ mich die Würde wieder spüren, die es bedeutet, ein Teil dieser Kultur und ihrer Geschichte zu sein. Ich denke und hoffe mich nicht zu irren, dass du dich von dem Guten, das wir haben, hast erobern lassen, von den Landschaften, die uns umgeben und der Freude die uns Kolumbianer charakterisiert.

Dass Du mit 21 Jahren die Möglichkeit hattest, eine andere, als deine eigene Kultur kennenzulernen, eine Möglichkeit, die hier nicht viele haben, hat mir erlaubt, das, was wir hier in Kolumbien haben und was womöglich in anderen Ländern fehlt, wieder wert zu schätzen.

Eure Theateraufführung am vergangenen Samstag4 hat mein Herz berührt, denn in ihr sah ich meine Identität gespiegelt. Euer Stück zeigte, wer und was wir Kolumbianer sind, Freude und Farben, Gerüche und Geschmäcker, beseelt von dem Wunsch, dass die Menschen, die von ferne zu uns kommen, uns kennenlernen und immer wieder zu uns zurückkehren wollen. Euer Stück war mehr als eine Liebesgeschichte. Es war eine Einladung, unsere Kultur und ihre Geschichte zu lieben. Abgesehen von den Entfernungen, die es zwischen den Nationen gibt, den kulturellen Unterschieden, den Sprachen und den konträren Vorstellungen, wie wir unsere Leben leben wollen, gibt es eine universelle Sprache, die uns zu Brüdern macht: die Liebe.

Wenn du irgendwann während deines Aufenthalts in Kolumbien einmal einen traurigen Moment hattest, verursacht durch die, die versuchen die Freude aus unserem Land zu verbannen, bitte ich dich nicht, es zu vergessen, sondern es als eine Lebenserfahrung zu nehmen und Zeuge zu sein, dass in unserem Land die Trauer, die Qual, die Liebe und die Freude Hand in Hand gehen, obwohl ich natürlich weiß, dass wir nicht das einzige Land sind, dass sich mit diesen Umständen konfrontiert sieht.

Ich hoffe, dass dein Dienst und deine Arbeit dich deinem Ziel näher gebracht haben, intellektuell und als Mensch zu reifen und wünsche dir eine gute Reise und Erfolg bei all deinen Vorhaben. Ich hoffe, dass du eines Tages zurückkehrst und dich dann noch ein Stück mehr verliebst in unser Land – Kolumbien.

Mit freundlichen Grüßen,

Jessica Marcela Rivera Murillo

 

1 Jessica Marcela Rivera Murillo ist Lehrerin am Instituto Educativo Elizabeth Lorza, einer in einem Privathaus eingerichteten Schule in Cali.

2 Noel Trojan war von September 2014 – September 2015 als weltwärts-Freiwilliger der Schule fürs Leben in Cali, wo er unter anderem auch die Lehrkräfte der Elizabeth Lorza Schule unterstützte.

3 Aguablanca – Stadtviertel im Südosten von Cali, in dem sich viele Flüchtlinge angesiedelt haben. Das Gebiet gilt als Problemzone mit besonders hoher Kriminalitätsrate.

4 Zum Abschluss ihres weltwärts-Jahres haben die Freiwilligen zusammen mit insgesamt mehr als 100 Kindern, Jugendlichen und Lehrern ihrer Einsatzstellen ein Musiktheaterstück geschrieben und inszeniert. “Meine andere Familie. Liebe ohne Grenzen!” So lautete der Titel des wunderbaren musikalischen Netzwerkprojekts, das am Samstag, den 29. August 2015 im Teatro Jorge Isaacs in Cali aufgeführt wurde. Die weltwärts-Freiwilligen des Jahrgangs 2014-2015 der Schule fürs Leben hatten das Projekt über Monate geplant und geprobt. Am Ende stand eine großartige Mischung aus kolumbianischen und deutschen Liedern, Tanz und Theater, auf die alle Beteiligten wirklich stolz sein können! Mehr dazu finden Sie HIER

Übersetzung aus dem Kolumbianischen: Noel Trojan und Karolina Seibold – Das Original finden Sie weiter unten in diesem Beitrag.

Artikelbild „Ein Brief an Noel“ von Noel Trojan

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Santiago de Calí, Agosto 31 de 2015

Estimado Noel!

Me ha resultado bastante difícil escribir ésta carta, ya que en realidad nos conocemos muy poco, pero tome la decisión de hacerlo ya que regrasarás a tu país myu pronto.

Mi intención en ésta carta, más que para despedirte, es agradecerte, a lo mejor te sorprende ya que lo hemos cruzado de palabras es muy poco pero lo encuentro necesario, mi agradecimiento radica en la poca observación que hice de tu servicio en mi pais.

Mi familia es una de tantas familias colombianas que ha sido tocada por la violencia que afrontamos día a día, y no precisamente por el conflicto que tenemos con la guerilla y el paramilitarismo, mi familia ha sido víctima del microtráfico de drogas que se vive en los barrios de mi ciudad y del país, dónde los jovenes se pelean por un pedazo del sector de sus barrios y ponen fronteras invisibles, las que no puedes cruzar porque si lo haces te disparan.

Tuve la fortuna de nacer en un hogar de sanas costumbres y mucho amor, un padre y una madre trabajadores y con actitud positiva de sobra, vivo en un lugar que algunos llaman „La Nueva Calí“, por lo lejos que queda de todo, vivo muy cerquito al distrito de Aguablanca y creo que no hay necesidad de describirlo ya que lo conoces por tu labor social en el sector.

Tengo 24 años y ya no miro como antes lo que sucede en mi ciudad, en mi país, a mediados del año pasado (2014) la historia de mi vida y la de mi familia se partió en dos, cuando un hombre asesinó mi hermaño menor, que tenía 18 años de edad; mi hermaño estaba rlizando sus estudios profesionales, iba en tercer semestre de salud ocupacional, y como todo buen caleno amaba la salsa, era bailarín profesional y pertenecía al grupo de salsa de la institución donde estudiaba; le obsesionaban los derechos de la comunidad, sentía una enorme empatía con el dolor de las demas personas, se enojaba demasiado con las injusticias que afrontamos, y extranamente siempre cargaba ese librito que nos ensenan en el colegio, nuestra constitución política colombiana; ya se imaginará cuanto amo a mi hermaño que con 18 años tenía mas convicción y carácter que yo con 23 en ese entonces.

Lo asesinaron po llevar puesta la misma camiseta que portaba otro joven que vendía drogas sin permiso en el lugar donde estaba sentado mi hermaño, por una camiseta, por estar en el lugar equivocado ó más bien por la ignorancia y falta de educación que afrontamos aquí; el dolor que sentimos en nuestra familia es indescriptible, porque no duele la muerte, duele la ausencia y los capítulos inconclusos que dejan la personas que amamos cuando nos so arrebatados sin previo aviso.

Tuve la oportunidad de ver cara a cara la persona que asesinó a mi hermaño, está preso y condenado a 25 años de prisión y no precisamente por lo que hizo a mi hermaño, sino porque a los siete días de haber asesinado a mi hermaño, asesinó a otro joven que estaba en su día libre de servicio militar, un joven auxiliar de policía de 19 años, que tristeza me dio saber que otra familia fue víctima del mismo delito; lo asesino en el mismo lugar que estaba mi hermaño y por los mismos motivos, el caso que quedó en maños de la justicia y determino que los asesinó por confusión, pero cuando lo ví, para mi sorpresa no sentí nada, ni odio, ni rabia, ni un solo sentimiento de enojo, porque en ese mismo instante reflexioné y me pregunté ¿Cómo juzgar a alguien que lo mejor no ha tenido las oportunidades que yo tengo? Nací en un hogar rodeada de amor, pobremente y con esfuerzo mis padres mi dieron educación, él con la misma edad que yo, 23 años, ya era un asesino, mientras que yo estaba realizando una Licenciatura en Filosofía en una universidad…

No lo excuso por lo que hizo, pero en mi pais la ignorancia alimenta al corrupto y envenena a nuestros jóvenes a falta de educación, a lo mejor usted ya conoce muchas de estas historias pero me permito contarle esto, porque a manera personal en cierto momento le perdí amor a mi nación y a mi cultura después de lo sucedido, pero el tiempo hizo crecer en mi la vocación que tengo ahora, ser docente, que aquí es una de las profesiones peor pagadas y mucha gente cuando le dices que eres profesora dicen, ¿Para qué estudias eso? si no da plata, pero amo mi profesión, y más que para llenarme los bolsillos de dinero, me ha permitido conocer nuevos mundos con cada joven y niño que conozco; mi propósito es que los jovenes y niños saquen de su mente que este país exporta el 75% del mejor café para todo el mundo, qué no solos somos drogas, mujeres bonitas y conflicto… somos más que eso, mi anhelo es que tomemos en serio eso que llamamos democracia y pensemos en un mejor proyecto de vida, pero comprendí que hay que contar bien la historia para que no se repita, la guerra no regla conflictos, los crea y nos separa de nuestro propósito de vida – ser felices.

Observándolo a usted y viendo el amor que plasma en su labor me hizo sentir no orgullosa si no digno de esta cultura y de la historia de ella; pienso y espero no equivocarme se haya dejado conquistar de lo dulce que tenemos, de los paisajes que nos rodean y de la alegría que nos caracteriza a los colombianos.

Usted que con 21 años de edad ha tenido la oportunidad que no hemos tenido algunos de conocer una cultura diferente de la propia, permitió que yo apreciara mas lo que tenemos aquí y falta en otros lugares del mundo.

La obra que fui a ver este sábado pasado, hizo emocionar mi corazón, porque vi reflejada mi identidad en ella… es que eso somos nosotros, alegría, colores, olores y sabores, siempre anhelando que los que vienen de afuera nos conozcan y quieran volver, mas que una historia de amor, fue la invitación para amar nuestra cultura y nuestra historia y que a pesar de la distancia que hay entre naciones, la diferencia entre una y otra cultura, el lenguaje y la gran diferencia de concepción de vida que tenemos, el amor es el lenguaje universal que nos une a todos como hermanos.

Si en algun momento de su estadía paso un rato desagradable, por culpa de los que opacan la alegría de aqui, no le pediré que lo olvide, sino que lo tome como experiencia de vida y pueda usted ser testigo que la tristeza, la angustia, el amor y la alegría viven de la mano en nuestro país, aunque se que nuestro pais no es el único que afronta estas circunstancias.

Espero que su servicio y su labor hayan sido de satisfacción en su propósito de crecer intelectualmente y como persona, le deseo un buen viaje y éxito en todos sus propósitos de vida y que algun día venga de nuevo y se enamore mas de Colombia.

Atentamente

Jessica Marcela Rivera Murillo

Docente Instituto Educativo Elizabeth Lorza