von Jana Baum1

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An einem Donnerstagnachmittag machte ich mich ohne jegliche Vorahnung auf den Heimweg von meiner Arbeit. Mit den Gedanken woanders, da die Route nach mittlerweile acht Monaten absolute Routine geworden war, stieg ich in den Bus, der mich aus dem Dorf La Buitrera zur großen Busstation in die Stadt bringen sollte.
Bei der Einfahrt in den Busbahnhof in Cali bemerkte ich etwas Sonderbares. Alle Menschen draußen kniffen die Augen zusammen und hielten sich Taschentücher vor Nase und Mund. Schon oft hatte ich beobachtet, dass viele Menschen hier sehr empfindlich auf schlechte Gerüche und Staub reagieren und das in der Regel mit wildem Handgewedel und lautem Fluchen ausdrücken. Ich dachte mir also nichts weiter und war völlig überrascht als schon im Moment des Aussteigens meine Augen zu brennen und zu tränen anfingen und ich ohne Schutz vor dem Mund nur schwer atmen konnte.

Mein erster Gedanke war, schnell aus dieser Zone herauszukommen. Ich überquerte in einer Menschentraube die Straße und lief wie alle anderen in Richtung Mio-Station2. Dort angekommen erwartete uns jedoch die nächste böse Überraschung: Der Eingang der Station wurde gerade von Polizisten abgeriegelt und es hieß, dass der Mio heute nicht mehr fahren würde. Verwundert, aber auch genervt, da ich noch zum Arbeiten in einer anderen Einsatzstelle verabredet war, verließ ich die Station um ein Taxi zu nehmen.
Die Konsequenz des Mio-Ausfalls war es jedoch, dass auch alle anderen verzweifelt am Straßenrand versuchten, Taxen herbeizuwinken und es kaum noch freie gab. Um meine Chance auf ein Taxi zu erhöhen, fragte ich zwei Frauen nach ihrem Reiseziel und wir beschlossen, gemeinsam zu fahren.
Da unser Standpunkt sehr überfüllt war, liefen wir zu Fuß an die nächste größere Kreuzung, wo ich zufällig zwei Kolleginnen traf, die sich unserer Gruppe ebenfalls anschlossen. Inzwischen waren jedoch endgültig alle vorbeifahrenden Taxen besetzt.
„Es kann doch nicht so schwer sein, nach Hause zukommen!“, dachten wir und schlossen uns einer Menschengruppe an, die auf eine Buseta3 wartete, die angeblich bald kommen sollte. Noch immer tränten uns die Augen und das Atmen fiel schwer. Wir hörten meckernde Kinder und die aufgeregten Stimmen der Eltern, die am Telefon irgendjemandem genervt ihre Situation beschrieben.
Jemand erklärte mir, dass das, was unsere Augen zum Tränen brachte irgendein Gas4 war und das Ganze etwas mit Demonstrationen an der nahe liegenden Universität Uni Valle zu tun habe. Genaueres wusste sonst noch niemand.

Wir warteten eine halbe Stunde auf die Buseta und trotz der zum Teil belustigten Stimmung „Typisch!…Natürlich gibt es mal wieder keinen Plan B für so etwas…“, waren wir nach der Arbeit einfach nur erschöpft. Umso deprimierender war die Nachricht, dass doch keine Buseta kommen würde und sich die Schlange wieder auflöste.
Mittlerweile zu siebt hatten wir keine Idee mehr, was wir machen sollten. Bei jedem gelben Auto, das vorbeikam, streckten wir noch mal aus Prinzip die Hand aus, aber keines hielt an.
In meinem Kopf formte sich der Plan, alles für den Abend abzusagen, weit genug zu laufen, um nichts mehr von dem Gas zu spüren und mich in irgendein Cafe zu setzen, bis es wieder freie Taxen gäbe. In der Ferne war immer wieder ein lautes Knallen zu hören, und ich wusste die Situation nicht einzuschätzen.

Plötzlich sahen wir von weitem einen großen roten Jeep anfahren und begannen, wie verrückt zu rufen und zu winken „Bitte nimm uns mit! Bitte nimm uns mit!“ Die erste Reaktion des Jeepfahrers war es, entschuldigend den Kopf zu schütteln und an uns vorbeizufahren. Nach fünf Metern sahen wir jedoch, dass er abbremste und rechts ran fuhr. Das war unsere Rettung! Wir rannten los und mit uns sprangen noch einige Leute mehr mit in den Jeep. Erleichterung überkam mich, als ich mich auf der Lederbank niederließ und eine Metallstange über meinem Kopf zum Festhalten packte. Der Jeep fuhr sofort los und kämpfte sich durch den Verkehr, währenddessen wir eigenständig von allen Passagieren das Geld einsammelten, das man normalerweise in den Jeeps zahlt und es dem Fahrer nach vorne reichten.
Wir rasten rüttelnd die Quinta herunter, die große Hauptstraße Calis, und lachten uns erleichtert an. Endlich kamen wir unserem Ziel näher und das auch noch überraschend schnell. Es herrschte plötzlich eine ausgelassene Stimmung, wir feierten unser Glück und machten Witze über das kleine Abenteuer. Zwischen den anderen Passagieren wirkten die Gesichter „meiner Gruppe“ plötzlich sehr vertraut, obwohl das einzige, was ich über sie wusste, ihre Endstation war.
Der Jeepfahrer ließ jeden an der gewünschten Stelle heraus. Darunter eine alte Frau, die sicher über 90 Jahre alt war, der wir alle beim Aussteigen halfen und die uns danach mit glänzenden Augen und jugendlichem Lächeln besonders lange hinterherwinkte, bis wir verschwanden. Die Verabschiedungen und Danksagungen fielen auf dieser Fahrt besonders übermütig und freundlich aus.
Ich bemerkte wie gut meine Laune war, als ich an meiner Ecke herausgelassen wurde, auf einen großen, von der inzwischen tief stehenden Sonne orange erleuchteten Platz, und mich auf den Weg machte, weiterzuarbeiten, als sei nichts geschehen.

1 Jana Baum ist seit September 2014 als weltwärts-Freiwillige der Schule fürs Leben in Kolumbien. Ihr Einsatzplatz liegt in La Buitrera, einem kleinen Dorf außerhalb von Cali.
2 Mio heißen die Stadtbusse in Cali
3 Buseta = kleiner privater Bus
4 Das Tränengas wurde von der Polizei in Cali eingesetzt um einen Protest, der von Studenten der Universtität Uni Valle ausging, zu unterdrücken. Die Studenten hatten gegen die Korruption der Regierung demonstriert und zur Untermauerung ihres Protestes unter anderem explosive Körper auf die vom Staat kontrollierten Busstationen und Busse geworfen.

Artikelbild „Ein abenteuerlicher Heimweg“ (Archiv der Schule fürs Leben)

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