von Anna Jael Esser1

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Seit ich zurück in Deutschland bin, versuche ich mich nach Kräften wieder als ordentliches Mitglied in die Gesellschaft einzuleben. Diskutiere wieder fleißig über Politik, obwohl ich noch nicht ganz den Überblick darüber gewonnen habe, was so in den Zeitungen abgeht, esse Schwarzbrot statt Reis, sitze mit abwesendem Blick und Handymusik in den Ohren in der Bahn – wenn die denn mal fährt – und versuche erst gar nicht, die Leute auf der Straße zu grüßen, da sie eh nicht zurück grüßen würden.

Gut, das klingt jetzt alles etwas sarkastisch; ich bin schon auch ehrlich gerne hier, dank meiner Eltern und vieler guter Freunde, die wirklich lieb für mich da sind.

Nach dem Motto „bloß keine Zeit zum Nachdenken haben“ mache ich, zusätzlich zu meinem Praktikum im Krankenhaus, als Nebenjob auch noch Nachtdienste im Schlaflabor. Bis jetzt geht es mir damit auch tatsächlich ganz gut, immer auf Achse, vielleicht auch mal was überdreht.

Die Rechnung scheint aufzugehen. Zumindest die für mein Flugticket zurück nach Kolumbien, das

ich mir hier in den Nächten verdiene. So viel also zum wieder Einleben. Wenn ich ehrlich bin, ist, nicht an Cali zu denken, halt doch so schwierig, wie in dem alten Witz vom Kamel: „Wetten wir, dass Sie es nicht schaffen, auch nur eine Minute lang nicht an ein Kamel zu denken? Also los, die Zeit läuft… 60, 59, 58, … und?“

Zurück zu meinen Nachtdiensten. Patient Nummer 2 stampft gerade durch die Tür des Schlaflabors. Es ist ein großer Mann, Ende 60 schätze ich, und sehr raumeinnehmend. Es fällt mir schwer, den Eindruck, den er auf mich macht, in Worte zu fassen. Ich würde ihn vielleicht am ehesten als extrovertiert beschreiben, direkt und irgendwie schon fast unangenehm in seiner gut gelaunten, aalglatten Begrüßung.

An dem Job als Nachtmesser gefällt mir, dass ich Zeit habe, mich mit den Menschen ganz ungezwungen über alles Mögliche zu unterhalten. Meistens geht es dabei um ihre Lebensgeschichten. Kinder und Enkel und den Beruf. Aber es gibt ab und an auch mal Patienten, bei denen ich froh bin, wenn ich ohne langes Festquatschen aus dem Zimmer rauskomme, sei es wegen ihrer schlechten Laune oder grenzüberschreitend dicken, nackten Bäuchen, die mir von älteren Herren ins junge Gesicht gestreckt werden. Dies könnte so ein Kandidat sein, denke ich, und kümmere mich geflissentlich erst einmal um Patient Nummer 3. Irgendwann ist es aber dann doch soweit und ich mache mich mit Elektroden und Pflastern bewaffnet auf den Weg zu besagtem agilen Herrn. Small Talk. Wie das so wäre mit den Nachtdiensten, was ich sonst so machen würde… „Wie?! Kolumbien?! Das ist ja lustig, da kommt meine Frau her! Wo dort? Nein, wirklich?! Cali?! Ja, genau wie Sie!“ Eine Stunde später bin ich immer noch mit ihm ins Gespräch verwickelt, höre mir seine, ihre Geschichte an, wie er sie vor 20 Jahren auf einer Berufsreise kennen gelernt hat, wie sie, von Heimweh geplagt, die gemeinsame Wohnung in Deutschland wöchentlich in eine Salsa-Bar verwandelt, wie ihm Cali gefallen und er ihre Familie kennen gelernt hat, vom Glück und den Frustrationen einer interkulturellen Beziehung…

Ich muss dann doch weiter, die Arbeit ruft, doch einige seiner Worte hallen noch in mir nach und ich freue mich schon fast auf die Fortsetzung seiner Geschichte am nächsten Morgen, die so nah an das geht, was mich zur Zeit beschäftigt.

Zwei Wochen später. Wir haben im Krankenhaus mal wieder die halbe Station mit Gehirnerschütterungen belegt. Diese Kinder, die sich dauernd und mit größtem Vergnügen von Hochbetten, Schaukeln und Rollbrettern stürzen, dann im Krankenhaus erwartungsgemäß genauso wenig still im Bett sitzen wollen und die den Eltern und Krankenschwestern so lange auf der Nase herum tanzen, bis ihnen schließlich doch irgendwann übel wird und die Kopfschmerzen das ihrige dazu tun.

Genauso eine kleine Prinzessin kommt mir auch jetzt wieder auf dem Flur in Richtung Spielzimmer entgegen getanzt. Groß und stumm schaut sie mich aus wunderschönen Haselnussaugen an – gänzlich unbeeindruckt von meiner Gardinenpredigt. Eine andere Strategie muss her. Die Mutter der Kleinen spricht sehr gut Deutsch, aber ich erinnere mich, sie mit ihrer Tochter Spanisch reden gehört zu haben. Also lasse ich das lieb gemeinte Donnerwetter diesmal auf Spanisch los – prompt werden die Haselnussaugen der Kleinen kugelrund und der Mund bleibt ihr offen stehen. Schon mal kein schlechtes Ergebnis… Nun kommt auch ihr Mutter um die Ecke, den Wirbelwind einzufangen. „Wo ich so gut Spanisch gelernt hätte? In Cali!? Ach wie schön, da hätte sie studiert, sie käme nämlich aus Kolumbien!“ Ihr Akzent kitzelt mich im Ohr und macht mir gute Laune, als wären es Sonnenstrahlen. Viel Zeit bleibt uns indes nicht, in Erinnerungen an Cali zu schwelgen. Die Prinzessin ist nämlich inzwischen schon wieder auf Achse und mich ruft eine Klingel ins nächste Patientenzimmer.

„So klein ist die Welt.“ ist das Statement der Stationsschwester, als ich ihr in der Pause von meinen Begegnungen erzähle. Es gibt kaum einen abgedroscheneren Satz. Wahr bleibt er trotzdem, wie ich einmal mehr feststelle.

„Wooooo warst du?!?“ Ich habe einen alten Schulkameraden meiner Schwester auf der Straße getroffen, ein sehr liebenswerter, aber recht verträumter Typ. „Polumpien? ´Tschuldigung, dass ich frage, aber liegt das in Afrika?“ Ja, die Welt ist klein, aber es scheint mehrere davon zu geben. Und jeder lebt dann doch in seiner eigenen und die Schnittmengen sind sehr variabel. Aber genau diese Schnittmengen füllen unseren Alltag mit schönen Begegnungen, und führen manchmal zu jenen unerwarteten Gesprächen mit völlig Fremden, mit denen man sich plötzlich so viel zu sagen hat.

1 Anna Jael Esser war von September 2013 bis März 2015 als weltwärts-Freiwillige der Schule fürs Leben in Cali. Ihre Geschichte „Die Welt ist klein“ entstand nach ihrer Rückkehr nach Deutschland, wo sie es allerdings nicht allzulange ausgehalten hat. Von dem in den Nachtschichten verdienten Geld ist Anna Jael im August 2015 für weitere 2 Monate zurück nach Kolumbien geflogen. Hasta luego, reina!

Artikelbild „Die Welt ist klein“ von Anna Jael Esser

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