von Theresa Scheible1

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Auf der circa dreißigminütigen Fahrt von Montebello nach Cali sausen am Straßenrand immer wieder unbewohnte Abschnitte vorbei und beim Anblick der abfallenden Böschung und der wild wuchernden Fauna frage ich mich manchmal, wo hier schon überall Menschen gestorben sind oder nie gefunden unter der Gestrüppdecke liegen.
Gefüttert werden diese Gedanken von den Vermisstenaufrufen, die in meinen Mittagspausen an der Arbeit ab und an in ganzen Sequenzen über den Bildschirm laufen. Immer wieder sehe ich Bilder von Frauen, Opas, Kindern. Menschen die vor acht Monaten verschwunden sind, vor zwei oder gar vor fünfzehn Jahren. Und mit den Bildern kommt die traurige Gewissheit, dass diese Menschen wohl mit größter Wahrscheinlichkeit nicht mehr auftauchen werden. Nicht mal das, was von ihnen noch übrig ist.
Kolumbien hat einfach zu viele Tote. Zu viele, als dass sich die Polizei jedem Einzelfall ausreichend annehmen könnte, zu viele, als dass die Leute es melden würden, wenn sie mal wieder ein paar Leichen auf dem Rio Cauca herunter treiben sehen. Der leblose Körper schwimmt davon, und mit ihm jede Gewissheit für die Angehörigen.
Wenn meine Gedanken dann so treiben, mustere ich auch gerne mal meine Mitfahrer im Jeep. Frage mich dann, ob ich am Ende gerade mit jemandem im Wagen sitze, der schon einen Menschen ermordet hat. Warum liegt die Tötung eines Menschen hier so viel näher als in Deutschland, warum ist die Hemmschwelle so viel kleiner? Mord scheint hier wirklich so etwas wie eine Option um Probleme zu lösen – und Kolumbien hat viele Probleme. Politik, Macht, Geld, Drogen, Beziehungen, Rivalitäten.
Ich glaube, der Bürgerkrieg hat das Land in dieser Hinsicht gezeichnet. Es ist etwas anderes, wenn Soldaten in den Krieg gegen ein anderes Land ziehen und klar definiert ist, wer Feind ist und wer Verbündeter. Wenn aber innerhalb des eigenen Landes verschiedenste Interessengruppen gegeneinander kämpfen und es immer unklarer wird, wer eigentlich für welche Ziele eintritt, gewinnt, so zumindest meine Idee, auch das Töten an Leichtigkeit. Die Grenzen verschwimmen, die Interessen auch. Sie bilden ein wucherndes Geflecht, das den Staat unterwandert und das menschliche Leben instrumentalisiert um seine Ziele durchzusetzen – es wird wortwörtlich über Leichen gegangen.
Der Jeep hält auf freier Strecke und ein Mann mit Machete steigt in den Wagen. Keine ungewöhnliche Erscheinung – die Machete wird hier als alltägliches Werkzeug benutzt – trotzdem fühle ich mich nicht ganz wohl beim Anblick der langen gebogenen Klinge und suche verunsichert den Blick meiner Mitfreiwilligen.
Ich denke daran, dass sich die Situation hier im Valle de Cauca gerade wieder zuspitzt. Die bewaffneten Raubüberfällen haben spürbar zugenommen. Und auch wir Freiwillige sind schon Opfer von Überfällen geworden.2 Uns wurde erklärt, dass die Situation so umschlüge weil in Cali gerade viele Binnenflüchtlinge Zuflucht suchen. Andere Städte würden diese Zuwanderung unterbinden, doch hier wäre das noch nicht geschehen. Also nimmt gerade die Kriminalität in der Stadt zu, denn zum Leben braucht man ja bekanntlich Geld. Cali gilt nun wieder/immer noch? als sogenannte „Rote Zone“. Auch die Guerilla ist der Drei-Millionen-Stadt wieder ein Stückchen näher gerückt und wartet im Nachbar-Departemento Cauca.
„Por aquí, por favor!“ „Hier bitte! Anhalten!“ Mit lauter Stimme versuche ich gegen das Klappern des Jeeps anzukommen. Der Fahrer stoppt kurz und ich quetsche mich an meinen Mitfahrern vorbei aus dem überfüllten Wagen. Nach einem kurzen Fußmarsch stehe ich vor dem großen Eisentor des Hogar de la Luz, meiner Einsatzstelle. Der Anblick des Heims bringt mich auf andere Gedanken:
Wie wichtig Bildung ist! Einer gebildeten Person stehen nicht nur mehr Wege offen, auch die Art zu Denken und an Probleme heranzugehen ändert sich. Und dass die Arbeit von Schule fürs Leben und anderen Vereinen, die hier in Kolumbien Schulen und Ausbildungsstätten bauen und betreiben, notwendiger ist denn je. Denn wie schon Nelson Mandela sagte: „Bildung ist die stärkste Waffe um die Welt zu verändern“

1 Theresa Scheible ist seit September 2014 als weltwärts-Freiwillige der Schule fürs Leben in Kolumbien. Ihr Einsatzplatz, das ehemalige Mädchenheim Hogar de la Luz in Montebello, wird gerade in eine Lehrwerkstatt umgewandelt, deren Angebot sich an die gesamte Bevölkerung des Ortes richtet. Theresa unterrichtet dort Englisch.
2 Zur Einschätzung der Situation der Freiwilligen in Cali und Valle de Cauca benennt Joscha Geers vom weltwärts-Team der Schule fürs Leben drei Aspekte der Gewalt:
– Die Kleinkriminalität. Nach aktuellen Informationen gibt es keine offiziellen Zahlen, die hier einen Anstieg belegen könnten. Allerdings gab es bei den Freiwilligen dieses Jahr verhältnismäßig viele Überfälle, was in wenigen Fällen auch am Nicht-Einhalten der Sicherheitsregeln gelegen haben kann.
– Die Situation um die Bandenkriminalität in und um Cali, die weiterhin sehr weit verbreitet ist. Dabei geht es vor allem um Drogenhandel, Vormachtstellungen und andere Bandenkonflikte. Hieraus resultiert der Großteil der knapp 2000 Morde in Cali jedes Jahr.
– Die allgemeine Situation im Land zwischen Regierung, Paramilitärs und Guerilla. Hier gab es Mitte April nicht weit südlich von Cali in den Bergen einen Angriff auf das Militär, bei dem elf Soldaten ermordet wurden, was landesweit für viel Aufmerksamkeit sorgte. Gegenüber der Vergangenheit ist es aber in den letzten Monaten insgesamt eher ruhiger.

Artikelbild: “Die Gedanken sind frei” von Anna Jael Esser

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