von Nora Becker1

151102 Becker Nora_Die ersten Fragen_822px

Natürlich hatte ich damit gerechnet, dass mir Fragen über mich selbst gestellt werden. Wenn man neu in einem fremden Land ist, das kulturell und von der Natur her anders ist als das Heimatland, wenn man durch seine helle Haut- und Haarfarbe auffällt, die Sprache nur bruchstückhaft spricht, wenn man die ersten Tage bei seiner Einsatzstelle ist, dort wo man das komplette nächste Jahr und somit viel Zeit mit den Kindern und Jugendlichen verbringen wird, dann sind es umso mehr Fragen.

Und doch wiederholen sich am Anfang eines Gesprächs manche davon immer wieder und es hat schon fast etwas Vorhersehbares.

„Wie heißt Du?“ – „Ich heiße Nora.“

„Woher kommst Du?“ – „Aus Köln, das ist eine Stadt in Deutschland.“

„Wie alt bist Du?“ – „Ich bin achtzehn Jahre alt.“

„Whoooo… Hast Du einen Freund?“ – „Nein.“

„Und Geschwister?“ – …

Manchmal reicht das den Kindern schon, doch meistens geht es dann weiter über Kolumbien.

Wie es mir allgemein gefällt. Wie ich das Wetter finde, es sei doch so warm. Wie mir das Essen schmeckt. – Meine Antwort lautet meistens, dass die Früchte genial seien, wohl wissend, dass dann alle möglichen Früchte aufgezählt werden. Jedes Mal, wenn ich sage, dass ich sie zwar kenne, es sie in Deutschland aber nicht wirklich gibt, wie Maracuya oder Papaya, wird sich darüber gewundert, genauso wenn ich erkläre, dass Früchte wie Mangos, Bananen oder Orangen hier viel intensiver und eigentlich ganz anders schmecken. Bei den Früchten, die ich vorher nicht kannte, wird der Name so oft wiederholt, bis ich ihn dann endlich richtig ausgesprochen habe – bei Mora, Lulu oder Curuba ist das noch einigermaßen einfach, aber dann gibt es ja noch Granadilla, Guayaba und Guanabana…

Und so kommen wir schließlich immer mehr ins Gespräch. Dabei wechseln die Themen der Fragen oft so schnell, dass mir meist erst bei der übernächsten Frage die Antwort auf die erste einfällt. Doch trotz dieser sprachlichen Hürde lerne ich die Kinder schnell kennen.

Ein Gespräch, das uns allen super viel Spaß gemacht hat, hatte ich mit einer Gruppe Mädchen direkt am ersten Tag. Wir mussten dauernd über meine fehlenden Wortkenntnisse lachen, dann über die Versuche, die Dinge anders zu beschreiben oder darzustellen, dann über unser eigenes Lachen.

Mit so einem Gespräch und vor allem durch das gemeinsame Lachen ist für die Kinder erstmal das Wichtigste geklärt. Sie wissen grob, wer ich bin. Doch wirklich kennen lernen sie mich erst in den darauf folgenden Tagen. Dann, wenn ich die Stühle und Pulte aufbaue, die Noten sortiere, die Instrumente stimme. Dann, wenn ich mich immer wieder mit ihnen unterhalte, auch Rückfragen stelle, denn jeden Tag klappt es mit meinem Spanisch deutlich besser.

Und dann irgendwann wird aus dem anfänglichen „Hallo“ an eine Neue, ein freudiges an eine nun schon fast Vertraute. Bei immer mehr Kindern ist das jetzt so. Mittlerweile gibt es drei, die immer, wenn sie mich sehen, freudestrahlend lächeln, die auf mich zukommen, nur um mich zu umarmen und sich kuscheln zu lassen. Es ist nicht so, dass sie direkt jeden in ihre Mitte nehmen, doch mittlerweile sind die anfänglichen Fragen beantwortet. Mittlerweile gehöre ich schon irgendwie dazu und es freut mich immer unglaublich, wenn ich merke, dass allein meine Anwesenheit ein Lächeln bei den Kindern auslöst. Dass ich ihnen helfen kann, wenn sie sich Hilfe wünschen. Dass ich für sie da sein kann und ihnen meine Zeit auch etwas bedeutet. Dass sie mir vertrauen können.

Und all das hat angefangen mit den immer gleichen Fragen:

„Wie heißt du?“ – „Ich heiße Nora…“

1 Nora Becker ist seit September 2015 als weltwärts-Freiwillige der Schule fürs Leben in Kolumbien. Ihr Einsatzplatz ist die Fundación SIDOC die im Stadtteil Siloé verschiedene Projekte betreibt, um den Menschen und dem Image dieses Stadtteils einen positiven Schub zu geben. Dazu gehören unter anderem Freizeitprojekte für Kinder und Jugendliche, wie ein Fußballprogramm, eine Trommelgruppe und das Orchester Infantil y Juvenil de Siloé, bei dem Nora mitarbeitet.

Artikelbild: „Die ersten Fragen“ von Nora Becker

Gute Geschichten sind Gold wert. Mit Ihrer Spende unterstützen Sie die Menschen dahinter. DANKE!