von Nele Schildt1

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Es ist ein bewölkter Freitagnachmittag. Um mich herum Bäume soweit das Auge reicht. Vereinzelt sind einige andere Freiwillige zu sehen. Sie machen das, was ich auch gerade tue: Unter einem Baum sitzen und einfach nur wahrnehmen…
Es ist der achte Tag des Seminars, das uns auf unser Soziales Jahr in Kolumbien vorbereiten soll. Heute sind wir nicht im Büro der Schule fürs Leben in Frankfurt, sondern im Wald. Allerdings war es nicht den ganzen Tag über so friedlich und ruhig wie in diesem Moment. Im Gegenteil. Der Morgen begann abenteuerlich. Wir waren kaum ein paar Schritte durch den Wald gelaufen, als es auf einmal von Ulla2 hieß „Stellt euch vor, Jonas3 wurde von einer Schlange gebissen. Ihr habt dreißig Minuten, um ihn ins Krankenhaus zu bringen, sonst wird er es nicht schaffen“. Da war Teamwork gefragt, sowie unser Einfallsreichtum und die Fähigkeit, mit den örtlichen Gegebenheiten zu improvisieren, denn waagerecht sollte Jonas, der zudem der muskulöseste und wahrscheinlich schwerste aus der Gruppe war, zu allem Unglück auch noch transportiert werden. Da es nicht bei einem Verletzten blieb, sondern nach und nach drei weitere Jungs von einem, sich sonderbarerweise nur gegenüber dem männlichen Teil unserer Gruppe aggressiv verhaltenden, imaginären Schlangenschwarm außer Gefecht gesetzt wurden, brach nun mittlere Panik aus, denn die Zeit wurde knapp, der steile Weg zum als Krankenhaus ausgerufenen Ort war noch weit und die Ressourcen aus denen wir versuchten, auf die Schnelle Bahren für die „Verletzten“ zu bauen… naja, sagen wir mal, nasses Holz ist eben nicht bruchsicher. Dementsprechend aufgeheizt war die Stimmung und umso größer das Erfolgsgefühl, als dann doch noch alle „Opfer“, ob auf der Bahre oder nur auf den Schultern der Mitfreiwilligen, gerade noch rechtzeitig eingeliefert wurden.
Aber so hektisch es am Vormittag zugegangen war, so ruhig und entspannt war es jetzt hier unter dem grünen Blätterdach, eingehüllt vom sanften Zwitschern der Vögel – fast schon meditativ. Die Aufgabe lautete, ein wenig durch den Wald zu streifen, die Sinne zu schärfen und dabei einmal auf die Bäume zu achten. Wenn wir auf einen Baum treffen, der uns auf irgendeine Weise anspricht, sollten wir versuchen, uns in ihn hineinzufühlen, unser Bewusstsein auszustrecken. Beim Umherwandern durch den Wald bin ich so nun auf diesen Baum gestoßen, dessen weitläufige Wurzeln und vor Leben grün strahlenden Blätter mir bedeuten, hier zu bleiben. So sitze ich nun angelehnt an „meinen“ Baum, dessen schützende Äste und Zweige eine beruhigende Wirkung auf mich haben. Ich schließe die Augen und lasse meine Gedanken wandern. Von den Poren der Blätter über die Nährstoffe leitenden Bahnen des massiven Stammes bis in die tiefsten Winkel der Wasser absorbierenden Wurzeln, versuche ich mich in das lebende Holz hineinzufühlen. Ich merke, wie schwierig es ist, nicht ins Träumen abzugleiten, um dann doch in Gedanken wieder beim Alltag zu landen. Ich versuche, bei der Sache zu bleiben und mich zu konzentrieren, höre tiefer in den Wald hinein, hinauf zum Rascheln der Baumkronen und dem Knarren der Stämme. „Dieser Augenblick der Ruhe“, denke ich, „wie oft werden wir in Kolumbien wohl dazu kommen? Und wie wird solch ein Moment dort sein?“ Ich male mir aus, wie ich in Kolumbien, genau wie jetzt auch, in der Natur die Ruhe suche. In meiner Vorstellung höre ich nach und nach immer mehr Singstimmen exotischer Vögel; ich schmecke die drückend-schwüle Tropenluft und einen warmen holzigen Geruch, wie ich ihn aus dem Zoo kenne. Das alles verschmilzt vor meinem geistigen Auge zu einem vor Leben glühenden Moment, der es nicht zulässt, in Gedanken irgendwo anders zu sein.
Die Rufe der anderen, es gehe weiter, holen mich in die Wirklichkeit zurück. Die momentane Atmosphäre könnte nicht kontrastreicher sein im Vergleich zu der Aufregung am Beginn des Tages. Doch ich glaube, genau das ist eine wichtige Erkenntnis für den bevorstehenden Freiwilligendienst. Dass wir, obwohl wir Gefahr laufen, durch all die großen und kleinen Herausforderungen im Alltag verschluckt zu werden, uns immer wieder auf das Eigentliche besinnen können. Unsere Motivation. Und daraus Kraft schöpfen.

1 Nele Schildt wird Ende September 2016 als weltwärts-Freiwillige der Schule fürs Leben nach Kolumbien aufbrechen. Ihre Geschichte entstand während des zehntägigen Vorbereitungs-Seminars in Frankfurt.
2 Ulla Schuch, Mitbegründerin und zweite Vorsitzende der Schule fürs Leben, leitet einen Großteil der Seminartage.
3 Jonas Hartwig gehört wie Nele Schildt zur neunten Generation weltwärts-Freiwilliger, die Schule fürs Leben jedes Jahr nach Kolumbien entsendet.

Artikelbild „Die Einheit der Gegensätze“ von Stefan Peters

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