von Karolina Seibold1

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Vor ein paar Tagen fand ich beim Nachhausekommen meinen Mann im Treppenhaus auf einer abenteuerlichen Konstruktion aus Küchenstuhl und Werkzeugkiste balancierend beim Versuch, den an das Licht gekoppelten Zeitschaltautomat wieder in Gang zu bringen. Das hatte vor zwei Wochen schon der von unserer Vermieterin in solchen Fälle stets angeheuerte Hausmeisterservice versucht – leider erfolglos. Ich muss dazu sagen, dass mein Mann der beste Handwerker ist, den ich kenne. Gleichwohl verstand ich nicht, wieso er seine knappe Zeit in dieses Unternehmen steckte. Das war fraglos Aufgabe der Vermieterin. Erst als er das vor Schmutz starrende Gehäuse des Automaten auf unserem Küchentisch zerlegte und mir freudestrahlend das Innere dieses seltsamen Kastens präsentierte, der, solange er noch funktioniert hatte, für das unverhältnismäßig laute Rattern verantwortlich war, das die Leuchtphasen im Treppenhaus stets begleitet hatte, wurde ich neugierig. Ich hatte dieses Geräusch nie wirklich zuordnen können – jetzt konnte ich mit eigenen Augen sehen, woher es rührte. Das Zauberkästchen offenbarte in seinem Inneren ein völlig staubfreies und wohlgeordnetes System aus Spulen, Zahnrädern, Übersetzungen, Leitungen und Präzisionsteilen. Elektromechanik vom Feinsten, wahrscheinlich bis auf das kleinste Schräubchen handgefertigt. Laut Fabrikationsschild stammte unser Treppenautomat von einer Firma namens Heliowatt. Dank Wikipedia fanden wir schnell heraus, dass der Berliner Physiker und Elektrotechniker Hermann Aron die Firma 1885 unter dem Namen Aronwerke gegründet hatte. 1935 zwangen die Nazionalsozialisten Hermann Aron, das Familienunternehmen zu einem Spottpreis an die Deutsche Bank zu verkaufen, die ihrerseits die Geschäftsanteile des Unternehmens noch im selben Jahr an den Siemens-Konzern weiterreichte. Aus den Aronwerken wurde Heliowatt. Unser Treppenautomat freilich arbeitete auch unter dem neuem Namen nach den von Hermann Aron entwickelten Prinzipien des ersten elektromechanischen Elektrizitätsmengen-Zählers und er tat das laut Fabrikationsschild seit November 1939. Seit 77 Jahren! 77 Jahre sorgte dieser kleine Kasten nicht nur für ein mir inzwischen sehr vertrautes und im Sinne des Wortes heimeliges Geräusch in unserem Treppenhaus, sondern tat einfach seinen Dienst. Der Kasten funktionierte und überdauerte Generationen an Mietern in diesem Haus. Auf meine Frage, ob er ihn reparieren könne, schüttelte mein Mann bedauernd den Kopf. Elektromechanik – das sei nochmal eine ganz andere Welt. Und eine, die inzwischen Vergangenheit ist. Die Ausbildung zum Elektromechaniker wurde in Deutschland 2003 eingestellt und die Wahrscheinlichkeit, dass irgendjemand noch von der Pieke auf gelernt hat, wie man unseren Heliowatt baut oder ihn reparieren könnte, ist denkbar gering. Verlorenes Wissen, denke ich und hoffe, dass irgendwo da draußen noch ein paar Nerds2 mit Liebe zu elektromechanischen Dinosauriern an aufwändigen Youtube-Tutorials3 arbeiten, um der Nachwelt die Funktionsweise dieses Zauberkastens zumindest medial zu veranschaulichen. In Japan weiß man, dass es nicht reicht, die Dinge zu beschreiben oder zu filmen. Man muss sie tun. So wird der aus komplexen japanischen Holzverbindungen konstruierte große Shintō-Schrein4 in der japanischen Stadt Ise alle zwanzig Jahre komplett zerlegt und an anderer Stelle wieder aufgebaut. Neben dem religiösen Aspekt, der Erinnerung an die Vergänglichkeit aller Dinge und an den ewigen Kreislauf von Werden und Vergehen, geht es bei dem als „Sengu“ bezeichneten Ritual des Wiederaufbaus auch ganz entscheidend um die praktische Weitergabe des wertvollen handwerklichen Wissens und Könnens. Und damit bin ich schließlich bei dem eigentlichen Auslöser für diese Geschichte. Es war eine kurze Mail, die Andrés Bäppler, Begründer der Schule fürs Leben und Projektleiter in Kolumbien, an das Team in Deutschland weitergeleitet hatte. Die Mail kam aus Ecuador. „Herzlichen Dank für Rubén“ stand in der Betreffzeile und weiter unten:

Lieber Andrés!
Rubén ist wieder zurück in Kolumbien oder er ist bereits unterwegs nach Mexico. Er hat uns sehr geholfen. Ein Bambus Haus ist gebaut worden und die Tischler im Dorf haben viel gelernt dank Rubén und dank Dir!
(…) Ich möchte Dir noch einmal herzlich danken für diese Unterstützung.
Du hast einen Super Professional ausgebildet!
Ganz liebe Grüße! (…)

Rubén Dario Calabas Bermudez ist ein junger Mann aus der Gemeinde der kolumbianischen Nasa-Indianer. Er gehörte 2009 zur ersten Generation Auszubildender in der von Schule fürs Leben und Escuela para la Vida errichteten Lehrwerkstatt „Bauen mit Bambus“ in Montebello. Mit dieser Ausbildung sollte jungen, chancenlosen Kolumbianern nicht nur eine Zukunftsperspektive eröffnet werden, sondern der studierte Architekt und Visionär Andrés Bäppler erhoffte sich davon auch eine Wiederbelebung traditioneller kolumbianischer Bauweisen und -techniken. Rubéns Gemeinde teilte diese Vision. Rubén sollte der Multiplikator werden, der das in den Bürgerunruhen der letzten drei Generationen verloren gegangene Knowhow zu den Nasa zurückbringen sollte. Dieser Wunsch ist aufgegangen. Mehr noch. Mittlerweile reist Rubén, inzwischen 22 Jahre jung, durch die Welt, um sein Handwerk weiterzugeben5. Von der Pieke auf. Und indem er es tut. Das ist Nachhaltigkeit. Danke Rubén. Und vor allem: Danke Andrés!

1 Karolina Seibold arbeitet als freie Mitarbeiterin für Schule fürs Leben und betreut unter anderem das Geschichtenprojekt „Ich erzähl dir“. Sie lebt mit ihrem Mann Migo Seibold in einem 3-Parteien Mietshaus in Frankfurt.
2 Nerd = eine aus dem Amerikanischen in die deutsche Umgangssprache importierte Bezeichnung für sehr an wissenschaftlichen, technischen und / oder computerspezifischen Themen interessierte Männer
3 Filmische Gebrauchsanweisungen, die inzwischen zu nahezu allen erdenklichen Themen auf dem öffentlichen Video-Kanal Youtube zu finden sind.
4 Der Shintōismus ist neben dem Buddhismus eine der wichtigsten Religionen in Japan. Er besteht aus einer Vielzahl von Kulten und Glaubensformen, die sich an die einheimischen japanischen Gottheiten, die sogenannten kami richten. Kami sind zahlenmäßig unbegrenzt und können die Form von Menschen, Tieren, Gegenständen oder abstrakten Wesen haben. Die Verehrungsstätten des Shintō bezeichnet man als Shintō-Schreine. Der wichtigste Schrein ist der Ise-Schrein, in dem die Sonnengottheit Amaterasu, zugleich die mythische Urahnin des japanischen Kaisers, verehrt wird.
5 Rubén begleitete Andrés Bäppler 2014 nach Wien auf einen Bambusworkshop. Inzwischen reist er selbst durch Kolumbien und unterrichtet andere im Bauen mit Bambus. Anfang 2016 fuhr er nach einem schweren Erdbeben nach Ecuador, wo er nahe San Pedro de Suma die Tischler des Dorfes beim Bau neuer Häuser unterstützte. Ein komplettes Bambushaus ist unter seiner Anleitung entstanden. Weitere werden folgen. Denn Rubén wurde bereits wieder weggerufen. Nach Mexiko!

Artikelbild: „Über die Nachhaltigkeit“ von Karolina Seibold

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