von Antonia Cazzanelli1

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Ups. Schon wieder ein Monat vergangen. Waren es nicht gerade noch drei, sechs, neun Monate? Die sich zäh wie Kaugummi hin zu ziehen schienen? Da muss ich mich wohl getäuscht haben. Und hatte ich nicht mal von September geträumt? Das tue ich zwar immer noch, aber davon, dass er nicht mehr ganz so schnell näher rücken möge.
Ich hatte mir doch mal geschworen, nie eine dieser Hymnen auf Cali zu verfassen. Das klang ja schon alles ganz gut, wenn ich es von anderen Freiwilligen las. Aber es war nicht mein Cali, das da beschrieben wurde. Cali zeigte mir ein anderes Gesicht als denen, die diese Geschichten verfassten. Wenn Cali sich mir zuwandte, dann war auf seinem vernarbten, undurchschaubaren Antlitz kein Lächeln zu sehen. Selten zumindest. Doch, einmal, da gab es einen kurzen Moment. Erinnert Ihr Euch? Es war nach dem Weihnachtsurlaub, den ich mit meiner Gastfamilie in Santa Marta verbracht hatte. Auf dem Rückflug nach Cali. Beim Landeanflug auf die Stadt hatte ich plötzlich und völlig unerwartet dieses Gefühl: Ich komme nach Hause. Heim nach Cali2. Ein überwältigender Moment, der allerdings nicht lange anhielt. Bald hatte mich der Alltag wieder in seinem grauen, stillen Fluss, der nur manchmal unterbrochen wurde, von kleinen Wellen des Glücks. Wenn Kolumbien mich in den Arm nimmt2, hatte ich diese hellen Augenblicke genannt
Ich hätte sicher ungläubig gelacht, hätte mir damals jemand gesagt, ich könne mich irgendwann selbst zu euphorischen Lobgesängen auf Cali hinreißen lassen.
Aber heißt es nicht, Cali kriegt jeden? Es besiegt das Heimweh und wird zur besten Zeit deines Lebens? Du wirst es nie vergessen, wirst immer wieder zurückkehren wollen? Und beim Abschied weinen sie sowieso alle.
Aber das gilt nicht für mich. So etwas kann mir nicht passieren und wird mir nicht passieren – da war ich mir absolut sicher. Insgeheim war ich bestimmt traurig darüber oder vielleicht auch einfach nur neidisch auf jene, die aus vollem Herzen ihre Liebe zu Cali zum Ausdruck bringen konnten, weil sie wirklich so fühlten. Aber so war es nun mal. Und so lebte und arbeitete ich eben vor mich hin, in meinem Inneren schon einige Monate in der Zukunft, im September, und deshalb in der Gegenwart abwesend.
Irgendwann kam der Juli, auf den ich mich schon lange gefreut hatte. Im Juli besuchte mich eine Freundin aus Deutschland und zusammen bereisten wir viele Teile Kolumbiens. Erst jetzt lernte ich „mein“ Land richtig kennen in all seiner Vielfalt. Ich stand ehrfürchtig da, als Teile der Sierra Nevada de Santa Marta in ihrer ganzen Pracht zu meinen Füßen lagen, war schläfrig zufrieden in den idyllisch sanften Wellen der Karibik, überrascht davon, wie weltmännisch sich Medellín gab, überzeugt davon, in den grünen Hügeln der Zona Cafetera ein Stück bessere Welt gefunden zu haben und überwältigt, als sich der Pazifik rau seiner paradiesisch wilden grünen Küste entgegenwarf und ich mich ihm. Am Ende dieser Reise kam ich wieder nach Cali. Und war sprachlos, als ich merkte, wie sich ein Kreis schloss. Wieder daheim. Das war nichts Neues, das hatte ich am Anfang doch schon einmal gefühlt. Und dann als eine Art Kitsch abgetan und den anderen überlassen.
Aber was soll ich sagen, Cali? Natürlich kriegst Du jeden. Das ist doch klar, auch wenn ich es erst nicht glauben wollte. Klar wie Hechtsuppe, wie eines meiner Kindheitsidole immer so schön sagte: Cali kriegt uns alle. Nur muss ich späte Reuige es jetzt eben doch aufschreiben, vielleicht als Zeichen eben jener Reue, vielleicht, weil ich es selbst kaum glauben kann. War ich doch offensichtlich ein Problemkind, wie es im (Stadt)buche steht. Eine, die weder Salsa tanzen gelernt hat, noch die dazugehörige Musik mag, eine, die sich an langen Wochenenden lieber Zuhause verkroch und den Kontakt nach Deutschland suchte, statt reisend das Land kennenzulernen oder neue Freundschaften zu knüpfen und alte zu pflegen. Und keine, die sich gleich von den Sachen verführen ließ, von denen andere sich so schnell hinreißen ließen: Der Wärme und Sonne, den vielen exotischen Früchten, der Fröhlichkeit vieler Kolumbianer.
Und jetzt passiert es mir doch. Mag ja sein, dass mein Abschied nicht der tränenreichste wird, mag sein, dass ich mich erst mal nur auf meine Familie freue und mag sein, dass Cali mich nicht so vollständig rumgekriegt hat wie die anderen. Aber doch so ziemlich, das wird sich – da bin ich mir ganz sicher – in Deutschland zeigen.
Und offen bleibt nur die Frage:
Warum kann ich nie glücklich sein mit dem, was ich habe? Warum richte ich das Ziel all meiner Sehnsüchte in so weite Ferne, wo doch gerade hier und jetzt so schöne Dinge passieren? Denn dass sie das tun, dass die schönsten Dinge gerade jetzt passieren, das werde ich erst in Deutschland so richtig merken, wenn ich sie nicht mehr haben kann.
Deshalb, Cali, lies Dir das hier genau durch, damit Du weißt, wie es wirklich ist.
Nur damit Du sicher bist: Du hast es wie immer geschafft.

1 Antonia Cazzanelli ist seit September 2015 als weltwärts-Freiwillige der Schule fürs Leben in Cali.
2 Heim nach Cali und Wenn Kolumbien mich in den Arm nimmt sind zwei weitere Geschichten, die Antonia im Rahmen der „Ich erzähl dir“-Reihe geschrieben hat. Zum Nachlesen klicken Sie einfach auf die unten stehenden Links:
Heim nach Cali
Wenn Kolumbien mich in den Arm nimmt

 

Artikelbild „Cali schließt den Kreis“ von Antonia Cazzanelli

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