von Nele Schildt1

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Sitzen. Stehen. Beobachten. Nachdenken. Aus dem Fenster schauen. Träumen… Ja, auch damit verbringt man in Cali viel Zeit, wenn man von A nach B kommen möchte. War es in den ersten zwei Wochen noch ein heikles Unterfangen mit ungewissem Ausgang, so ist die Konzentration beim Busfahren mittlerweile eher in Langeweile übergegangen. Egal ob zur Arbeit oder in unserer Freizeit, den MIO2 müssen fast alle Freiwilligen täglich benutzen. Und wenn man dann noch im Randbereich der Stadt wohnt, so wie ich, sind die Wege gleich noch einmal länger. An manchen Tagen, wenn ich oft den Ort wechsle oder der MIO auf sich warten lässt, verbringe ich deshalb schon mal bis zu vier Stunden im Bus. Dieser zeitliche Aufwand allein für die Wege frustriert mich bisweilen, gerade wenn ich beim Warten anfange darüber nachzudenken, wie viel sinnvoller ich die Zeit nutzen könnte. Doch was ich allein beim Busfahren über das Leben in Cali gelernt, bzw. verinnerlicht habe, ist mir erst vor kurzem bewusst geworden. Normalerweise sehe ich vor allem die positiven Seiten und die Leichtigkeit mit der die Menschen hier leben, doch im MIO treffen eben alle Schichten aufeinander. Deswegen will ich hier einmal die anderen Seiten beleuchten – jenseits von Salsa und der gelassenen Offenheit der Menschen.
Wenn ich mit dem MIO durch Cali fahre, sehe ich riesige Einkaufszentren, große Unidades – das sind eingezäunte Wohnanlagen mit Hochhäusern und oft sogar einem Pool – und schicke Restaurants an mir vorbeiziehen. Doch meine Fahrt führt mich auch durch das Centro von Cali. Am Tag ist das Centro überfüllt mit Menschen, die kaufen oder verkaufen wollen, mit Waren jeglicher Art und Essensständen an wirklich jeder Ecke. Nachts verwandelt sich das Centro in eine verlassene Gegend, die ich als gefährlich einstufen würde. Immer wieder sieht man am Straßenrand auch großen Müll- und Plastikhaufen, auf denen knochige Männer ohne T-Shirt und mit zerfransten Hosen herumklettern. Sie horten den Müll und versuchen im Abfall noch Verwertbares zu finden. Klassische Mülltonnen gibt es nur sehr wenige und wenn, dann quellen sie über. Sehr häufig trifft man im Bus auf Bettler, Prediger, Musiker und Künstler jeder Coleur, die den ganzen Tag umherfahren, um ein paar Pesos zu verdienen. Vereinzelt sieht man Menschen auf der Straße schlafen; selbst an den großen und lauten Hauptstraßen liegen sie und sind auch dort schon Teil des Stadtbildes geworden. Oft kann man den Menschen ansehen, dass sie gesundheitlich in schlechter Verfassung sind. Wenn man in Deutschland keine Arbeit hat, bedeutet das nicht gleicht Armut und keine Gesundheitsversorgung. Man wird vom Staat unterstützt und darüber hinaus gibt es Non-Profit-Organisationen, an die sich Menschen in Not wenden können – Kirchengemeinden, Suppenküchen etc. Die gibt es zwar auch in Cali, aber bei weitem nicht genug. Ein kolumbianischer Arzt hat mir erzählt, dass die Gesetzeslage zur Gesundheitsversorgung sich schon verbessert habe, doch die Folgen der Vergangenheit kann man immer noch jeden Tag auf der Straße sehen. Manche Menschen haben starke körperliche Behinderungen; andere verhalten sich auffällig und haben augenscheinlich psychische Probleme. Das soll nun nicht heißen, dass es hier nur kranke und arme Menschen gibt, doch gerade beim Warten in der MIO-Station fällt mir der Unterschied zwischen Arm und Reich immer besonders auf und ich frage mich oft, wie diese Menschen ihr Leben bestreiten und ihren Alltag bewältigen. Aus meiner Sicht ist es z.B. für gehbehinderte Menschen fast unmöglich, überhaupt nur eine Straßenseite zu wechseln, denn bei den großen Straßen gibt es zum Überqueren – wenn überhaupt – nur Fußgängerbrücken.
In Deutschland hätte sich schon längst jemand darüber beschwert, während die Caleños die Eigenschaft haben, solche Missstände einfach hinzunehmen und sich eben anzupassen. Diese für mich anfangs doch sehr fremde Mischung aus Armut und Gelassenheit habe ich erst nach einigen Monaten wirklich realisiert. Jetzt bin ich schon länger über das „Alles ist neu und exotisch-Feeling“ hinaus; all die Eindrücke sind Alltag geworden und gerade weil die Zustände sich nicht so schnell ändern, erlebe ich sie umso intensiver.“

Doch es gibt etwas, das ich vom MIO aus nie sehen konnte, das aber vielleicht noch viel wichtiger zu erwähnen ist: wie vieles sich bereits verbessert hat. Und sich sehr wahrscheinlich weiter verbessern wird. „Cali progresa contigo“ lautet einer der Schriftzüge auf den MIO-Bussen: „Cali macht Fortschritte mit dir. Das Stadtbild ändert sich, durch und mit den Menschen die hier leben und die wollen nach meiner Einschätzung vor allem eines: nach vorn blicken.

1 Nele Schildt ist seit September 2016 als weltwärts-Freiwillige der Schule fürs Leben in Cali.
2 MIO steht für „Masivo Integrado de Occidente“ – wörtlich übersetzt: Massive Integration des Westens – und bezeichnet das städtische Verkehrsnetz von Cali, zu dem auch die von Nele beschriebenen MIO-Busse gehören.

Artikelbild: „Cali progresa contigo“ von Nele Schildt

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