von Mathis Brinkmann1

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Ich sitze auf dem Bett in meinem Zimmer und mache mir Gedanken. Das passiert in letzter Zeit des Öfteren, denn es gibt viel zu planen. Da wäre der anstehende Besuch meiner Mutter und unsere gemeinsame Kolumbien-Reise, bei der wir natürlich so viel wie möglich vom Land sehen möchten2. Außerdem muss ich meinen aktuellen Arbeitsalltag neu gestalten, denn die Schulferien in meiner Einsatzstelle sind länger als meine vertraglich geregelte Urlaubszeit, weswegen ich mir in den Ferien zusätzliche Arbeit suchen werde. Gerade erst habe ich Kilian, einen anderen Freiwilligen in seiner Einsatzstelle besucht und ihn einige Tage bei seiner Arbeit im Bambus-Projekt von Escuela para la Vida begleitet.
Momentan aber liegt mein Fokus auf Weihnachten.
Es ist der 24. Dezember und in einigen Stunden steht das Weihnachtsessen mit meiner „neuen“ Familie an – meiner kolumbianischen Gastfamilie. Es ist das allererste Weihnachten überhaupt, das ich ohne meine deutsche Familie verbringe. Zuhause haben wir an Weihnachten einen festen Ablauf. Unsere Familie trifft sich an Heiligabend immer im Haus meines Opas; es gibt unser traditionelles Weihnachtsessen – Pute – und danach machen wir Bescherung. Nun sitze ich hier in Cali und habe das Gefühl: es ist alles anders. Eine wirkliche Weihnachts-Stimmung ist in den letzten Wochen weder bei mir, noch bei den anderen Freiwilligen aufgekommen. In Deutschland verfallen wir üblicherweise meist schon sehr früh in diese Stimmung. Sei es durch das Weihnachtsgebäck, das deutsche Supermärkte schon Monate vor dem Fest anbieten oder den obligatorischen Adventskalender, der uns in früheren Tagen immer das Aufstehen bei kaltem Winter-Wetter versüßte. Und spätestens beim Schlendern über den Weihnachtsmarkt und mit einem heißen Glühwein in der Hand, bekommt auch der letzte Weihnachtsmuffel glänzende Augen. Nun aber zeigt die Wetter-App auf meinem Smartphone satte 28 Grad an. Ich werde Heiligabend in Kolumbien verbringen, einige tausend Kilometer von meiner Familie und allem Vertrauten entfernt. Während ich noch so in meinen Gedanken schwelge, treffen meine beiden Gastonkel samt Söhnen und Oma ein – schließlich ist der heutige Abend auch in Kolumbien ein Fest der Familie, ganz ähnlich wie in Deutschland. Es wird reichlich Essen aufgetischt und wir unterhalten uns bei einem Glas Wein. Anschließend lesen und singen wir „Novenas“, kleine Gebete und Lieder. Die Kinder werden immer ungeduldiger und endlich gibt es Bescherung. Geschenkpapiere und Kartons werden hektisch zerrissen und hervor kommen Wasser-Pistolen, Spielzeug-Autos, Kleidung und Kekse. Alle sind zufrieden und das Geschenkte wird direkt ausprobiert. In dieser ausgelassenen Stimmung denke ich gar nicht mehr darüber nach, dass dieses Weihnachtsfest so ganz anders ist, als das Weihnachten, das ich all die Jahre zu Hause mit meiner Familie gefeiert habe. Aber ist es das wirklich? Ein Fest mit allen Verwandten, reichlich Essen und Geschenke. Genau das haben wir Zuhause ja auch. Und auch in Cali kann man über einen Weihnachtsmarkt schlendern, gehetzte Menschen bei letzten Einkäufen durch die vollen Straßen rennen sehen und die Vorfreude der Menschen auf die anstehende Zeit spüren. Eigentlich, so stelle ich im Nachhinein fest, ist es gar nicht so anders. Eigentlich ähneln sich die Abläufe und Traditionen doch sehr und eigentlich vermisse ich Weihnachten zu Hause gar nicht so stark – da ist es jetzt nämlich verdammt kalt…

1 Mathis Brinkmann ist seit September 2016 als weltwärts-Freiwilliger der Schule fürs Leben in Cali.
2 Schule fürs Leben begrüßt es sehr, wenn die Freiwilligen, nachdem sie sich selbst gut eingewöhnt haben, ihre Familien zu Besuch nach Kolumbien einladen. Die eigenen Söhne und Töchter in einer so verantwortungsvollen und ganz neuen Rolle zu erleben, ist vor allem für die Eltern der Freiwilligen immer wieder ein besonderes Erlebnis. Und Kolumbien selbst, in all seiner Schönheit, Vielfältigkeit und Gastfreundschaft natürlich auch.

Artikelbild „Alles ist anders“ (Archiv der Schule fürs Leben)

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